1955

Festivaldatum:
4. – 26. Juni 1955
Präsident:
Hans Mandl
Eröffnung Wiener Festwochen 1955 © Votava / brandstaetter images / picturedesk.com
Eröffnung Wiener Festwochen 1955 © Votava / brandstaetter images / picturedesk.com

(...) Unverändert geblieben ist der Genius loci, der an Gestalt und Seele Wiens seit einem Jahrtausend wirkt. Der Lokalgeist von Wien stürmt nicht blind dahin; er geht verständig mit der Zeit und weiß das ehrwürdig Alte von entbehrlich Veraltetem ebenso zu unterscheiden, wie notwendig Modernes von überflüssig Modernistischem. Er weiß, daß es in jedem Wiener, mag er der ältesten oder der jüngsten Generation angehören, Gefühle gibt, die sich nicht wandeln: die Liebe zur Heimatstadt, den Stolz auf ihre große Vergangenheit, die Freude an ihrem Gedeihen und die Sorge um ihre Zukunft.
Diese Gefühle finden in den sommerlichen Wiener Festwochen Ausdruck und Befriedigung. Einmal im Jahr, und zwar während der Himmel blaut und Wiens Gärten blühen, sollen Herz und Gemüt besonders teilhaben am künstlerisch-kulturellen Leben der Stadt und sich ihren Elementen : Vergangenheit— Gegenwart — Zukunft mit Interesse zuwenden. Das ist der Sinn dieses friedlichen Wiener Sommerfestes. Die Wiener glauben, ihre Vaterstadt genau zu kennen und alles von ihr und über sie zu wissen. Oft aber kennen sie die wichtigsten Dinge nicht. Man hat sie ja in nächster Nähe, geht täglich an ihnen vorüber und wird schon einmal Zeit und Gelegenheit finden, ihre nähere Bekanntschaft zu machen. Die fremden Besucher wieder fühlen sich verwirrt vom Reichtum an Möglichkeiten, die Wien ihnen bietet, und kaum imstande, sich während weniger Tage ein charakteristisches und daher gültiges Bild der Stadt zu schaffen.
Beide also — Einheimische und Fremde — bedürfen der Einladung, des Rates und der verständigen Führung. Dafür sorgen die Wiener Festwochen. In diesen Wochen soll der Wiener aus dem Ich Kreis seiner persönlichen Verhältnisse und Pflichten hinaustreten und schauen, was andere getan, was die Gemeinschaft geleistet hat. Erstaunt wird er feststellen, wieviel Neues es von Sommer zu Sommer in Wien zu sehen gibt, wieviel Altes ihm unbekannt war, wie viele kulturelle Genüsse er sich hat entgehen lassen. Nicht anders wird es dem Fremden gehen, der ein Jahr lang fort war und nun zu seinem Rendezvous mit dem Wiener Sommer wiederkommt. Auch er wird Wiens Fortschritte im Sinne einer gesunden Evolution beifällig vermerken, deren Aufgabe es ist, die Pflege ererbter Kulturgüter mit der Förderung der Gegenwartsbestrebungen und der Befriedigung moderner Lebenserfordernisse zu verbinden.
Die Wiener Festwochen wollen keine museale Wallfahrt sein, kein Festival betonter Einseitigkeit und exklusiver Vornehmheit. Sie wollen vielmehr die sommerlich prangende Stadt mit ihrem ganzen Reichtum an Landschaft, Kunst, Kultur allen erschließen, so daß jeder sich nehmen kann, was ihm gefällt und wonach der Sinn ihm steht. Wien und sein Sommer laden zu einem Fest zukunftsgläubiger Lebensfreude. Wer könnte sich ihm entziehen?

Programm