1963
Aus der österreichischen Musikzeitschrift, 18. Jahrgang, Mai 1963
Die Wiener Festwochen werden mehr und mehr kulturelle Manifestationen mit einer ganz bestimmten Blickrichtung. Wir haben daher den Intendanten der Wiener Festwochen, Herrn Sektionschef Dr. Egon Hilbert, gebeten, den bisher zurückgelegten Weg dieser Institution unter diesem Aspekt zu beleuchten und seinen idealen Verlauf für die Zukunft abzustecken.
Zur Idee der Wiener Festwochen
Als ich im Jahre 1960 von Stadtrat, heute Vizebürgermeister, Hofrat Hans Mandl mit der Leitung der Wiener Festwochen beauftragt wurde, bestand diese Institution schon seit mehreren Jahren, ungerechnet der Versuche, die in der Zwischenkriegszeit mit dem Ziel unternommen wurden, die kulturelle Kapazität der Bundeshauptstadt wie durch einen Brennspiegel zusammenzufassen solcherart, daß speziell die nach Wien kommenden Gäste aus dem Ausland die Möglichkeit hätten, ein Konzentrat des kulturellen Lebens in einem relativ geringen Zeitraum aufnehmen zu können. Die diesbezüglichen Bestrebungen der Nachkriegszeit hatten eine Fülle von hervorragenden Darbietungen der verschiedensten Art auf dem Gebiet der Musik, des Theaters und der bildenden Kunst gebracht. Sie waren aber noch nicht durch eine für alle Teile verbindliche geistige Idee koordiniert worden. Eine solche einheitliche geistige Idee sollte aber jedem Festival zugrunde liegen, das mehr sein will als die Summe seiner Teile. Besonders notwendig erscheint diese Voraussetzung in Wien, wo eine Vielzahl von Veranstaltern und kulturellen Institutionen am Werk ist, Institutionen, die es gewohnt sind, nur ihr eigenes Ziel vor Augen zu haben. Es bestand somit die Gefahr, daß die Wiener Festwochen zu einer Art „Olla podrida" würden. „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“, ließ Goethe seinen Theaterdirektor sagen, und sicher hat er auch damit recht. Die Einheit des Ganzen darf aber durch die Vielheit nicht gefährdet werden, und Goethes Dichtung beweist im weiteren das eine wie das andere. Es ist meine feste Überzeugung, daß der Sinn von Festwochen nicht darin besteht, eine Vielzahl von kulturellen Ereignissen zu bieten, unter denen dann der interessierte in- oder Ausländer sich nach freier Wahl einiges auswählt, ohne am Ganzen teilzuhaben; der eigentliche Sinn von Festwochen muß darin zu sehen sein, daß der Besucher einiger Veranstaltungen – über den Genuß hinaus, den er aus ihnen bezieht – den Geist des Ganzen mitbekommt, daß er teilhat an der Idee, die das Ganze beherrscht.
Dieses Ziel konnte naturgemäß nicht von heute auf morgen erreicht werden. Einen gewissen Ansatzpunkt fand ich in der Möglichkeit, zunächst einmal Konzerte in zyklischer Form darzubieten. 1960 konnte im Zeichen Gustav Mahlers ein solcher Zyklus durchgeführt werden, bei dem Bruno Walter und Dr. Otto Klemperer denkwürdige Konzerte leiteten. Im folgenden Jahre wurde zum ersten Mal unternommen, eine Veranstaltungsreihe unabhängig von den Zufälligkeiten eines gerade zu feiernden Gedenkjahres ins Leben zu rufen. Die Möglichkeit dazu ergab sich auf dem Gebiet des Theaters. Das Motto hieß damals: .,Die Idee der Freiheit im Drama“ und konnte, wenn nicht in allen, so doch in den meisten Beiträgen der Wiener Theater zum Ausdruck gebracht werden. Im Jahre 1962 konnte ebenfalls eine Idee für den Theatersektor verbindlich gemacht werden: „Meisterwerke des Volkstheaters.“ Im Rahmen dieser Idee hat die Hundert-Jahr-Feier für Johann Nestroy einen idealen Platz eingenommen. Auf musikalischem Gebiet sollte gleichfalls ein Leitgedanke bis zu einem hohen Grade verwirklicht werden. Anlaß dazu bot die Wiedereröffnung des Theaters an der Wien, das durch die Munifizenz der Gemeinde Wien zu neuem Leben erwachte und fortan als Mittelpunkt der Wiener Festwochen eine besondere Aufgabe erfüllt. Im Eröffnungsjahr wurden in einer Reihe von Konzerten Meisterwerke zur Aufführung gebracht, die seinerzeit in diesem Theater ihre Uraufführung erlebten. Daß zu ihnen so großartige Kompositionen wie Beethovens Violinkonzert und Schuberts Romanze aus der „Zauberharfe“ zählten, machte den besonderen Reiz dieser Veranstaltungsreihe aus. Alban Bergs Oper „Lulu", die im Theater an der Wien zur ersten szenischen Aufführung in Österreich kam und zu einem Welterfolg wurde, hat eine weitere Idee reifen lassen, eine Idee, der wir uns heuer zuwenden, und die uns in der Entwicklung der Wiener Festwochen, so hoffen wir, einen Schritt weiterbringt. Die diesjährigen Wiener Festwochen sind nämlich vor allem den Meistern des 20. Jahrhunderts gewidmet, wobei wir durch einen „Zyklus lebender Meister“ darauf hinweisen wollen, daß der Ruhm eines schaffenden Künstlers nicht unbedingt erst nach seinem Tode einsetzen muß. Im Mittelpunkt der diesjährigen Festwochen und im Mittelpunkt dieses Zyklus steht somit die Oper „Dantons Tod" von Gottfried von Einem, die 1947 von mir in Salzburg herausgebracht wurde und dort die Karriere des Komponisten begründete, aber auch für die Linie der Salzburger Festspiele in den folgenden Jahren beispielgebend wurde. „Dantons Tod“ ist in diesen 16 Jahren in Wien nicht gegeben worden. Welches Werk könnte sich also besser unter unser Motto fügen? Zusammen mit der Neueinstudierung der im Vorjahr so erfolgreichen .,Lulu“ bietet damit die Direktion der Wiener Festwochen zwei österreichische Opernwerke, die in der Musikgeschichte der Welt ihren Platz behaupten werden. In den Konzerten, die im Theater an der Wien veranstaltet werden, wird mancher Programmpunkt ebenfalls dem Motto Rechnung tragen. Im übrigen wird die Wiederbegegnung mit Dirigentenpersönlichkeiten wie Hans Knappertsbusch, Otto Klemperer und Eugene Ormandy eine notwendige und willkommene Erweiterung des Programms in Richtung auf die ewigen Werte der Musik hin bedeuten. Die Wiener Konzerthausgesellschaft, die heuer im Rahmen der Festwochen ihr 11. Internationales Musikfest durchführt, hat ihrerseits die einzelnen Veranstaltungen so geordnet, daß jeder Tag einem Komponisten gewidmet ist. Zwölf Festwochentage, also nahezu die Hälfte der Konzerte, stellt sie dabei ins Zeichen von Komponisten des 20. Jahrhunderts.
Erstmals wird schließlich der Versuch unternommen, die jüngste Musik im Rahmen der Festwochen an jenem Ort zur Geltung zu bringen, der sich am besten dafür eignet: im Museum des XX. Jahrhunderts. Fünf Konzerte, die zum überwiegenden Teil „ Werke lebender Meister“ bringen, werden im Großen Saal des Museums zwischen den Skulpturen von Fritz Wotruba zur Aufführung gebracht. Doch gehen unsere Ziele noch weiter. Insofern erscheinen sie schon heuer verwirklicht, als auch das Sprechtheater sehr stark mit Werken lebender Meister vertreten ist. Nicht weniger als fünf Welturaufführungen und zwei deutschsprachige Erstaufführungen stehen auf dem Programm. Die Tendenz ist klar. Wir hoffen, es in absehbarer Zeit so weit zu bringen, daß alle Sparten der Wiener Festwochen, Musik, Theater und bildende Kunst, sich einer einzigen Idee einordnen. Das nächste Jahr wird uns der Realisierung dieses Vorhabens wieder einen Schritt näher bringen. Das Motto für 1964 lautet: „Anbruch unseres Jahrhunderts -- Kunst und Kultur nach der Jahrhundertwende.“ Durch eine große Ausstellung in der Sezession wird auch die bildende Kunst der Leitidee eingegliedert sein. Auf musikalischem Gebiet wird die Hundertjahrfeier für Richard Strauss dem Anlaß gerecht. Im Theater an der Wien ist die Aufführung von des Meisters Oper „Daphne“ vorgesehen, an einem Ort, den der Meister selbst als ideal für diese Oper bezeichnet hat. Ein weiterer Opernabend wird die erste szenische Aufführung in Österreich von Schönbergs Monodram „Erwartung“ und Bartoks „Herzog Blaubarts Burg“ bringen. Die Wiener Staatsoper schließt sich der Leitidee mit einer Richard Strauss-Woche an, die am 11. Juni, dem 100. Geburtstag des Meisters, mit einer Aufführung der „Frau ohne Schatten" unter der Leitung von Herbert von Karajan kulminiert. In den Programmen der Konzerte werden viele Werke vertreten sein, die die Ideen des anbrechenden Jahrhunderts, die Ideen des Impressionismus und Expressionismus, der Neuromantik und der Sezession zum Ausdruck bringen. Auf dem Gebiet des Theaters ist eine Aufführung der „Letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus durch das Burgtheater vorgesehen. Es wäre dies der erste Versuch einer szenischen Aufführung jenes Menschheitsdramas, das Karl Kraus „einem Marstheater vorbehalten" bezeichnet hat. Das Volkstheater wird gleichfalls im Sinne der Leitidee Wedekinds „König Nikolo" bringen, das Akademietheater Strindbergs „Nach Damaskus" und das Theater in der Josefstadt voraussichtlich ein Werk von Schnitzler.
Diese kurze Übersicht gibt zu erkennen, daß es uns mit der schrittweisen Verwirklichung einer zentralen Idee wirklich ernst ist, und daß wir Jahr für Jahr dem Ziel näher rücken. Diese Idee, die zwar nicht vor Nachahmung geschützt ist und daher auch nachgeahmt wird, macht die besondere Note der Wiener Festwochen aus. Schon jetzt weiß, der Ausländer, der zu den Festspielen nach Wien kommt, daß sich diese beträchtlich von anderen unterscheiden. Wir sehen die Zukunft der Wiener Festwochen in diesem Unterschied und in dem Qualitätsunterschied, der durch unseren Vorsprung bedingt ist.
Egon Hilbert
Programm
Theater
-
Das Zeichen an der Wand
Leon Epp Theater Volkstheater -
Der eingebildete Käfer
o. Ang. Theater Kammerspiele -
Die Ahnfrau im Gemeindestadl
Gandolf Buschbeck Theater Heiligenkreuzer Hof -
Die Welt des Wassers
Erich Margo Theater Volkstheater -
Ein schöner Herbst
Heinrich Schnitzler [Zbonek] Theater Theater in der Josefstadt -
General Kisch: Erntefest
Peter Janisch Theater Die Tribüne -
Hippodameia
Veit Relin Theater Ateliertheater am Naschmarkt -
I due Gemelli Veneziani
Luigi Squarzina Theater Theater in der Josefstadt -
Jeder von uns
August Rieger Theater Theater der Courage -
Straße ohne Ende
Peter Mosbacher Theater Burgtheater -
Strip-Tease; Auf hoher See; Karol (Carroll)
Franz Reichert Theater Kleines Theater der Josefstadt im Konzerthaus -
Tausend Francs Belohnung
Axel von Ambesser Theater Theater an der Wien
Musiktheater
Musik
-
Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks
Konzert Wiener Konzerthaus -
Chor und Orchester des Österreichischen Rundfunks
Konzert Wiener Konzerthaus -
Concentus musicus
Konzert Palais Schwarzenberg -
Concert paré des Kammerensembles des London Symphony Orchestra
Konzert Wiener Konzerthaus -
Das London Symphony Orchestra und die Wiener Singakademie
Konzert, Oratorium Wiener Konzerthaus -
Das Orchester des Bayerischen Rundfunks
Konzert Wiener Konzerthaus -
Das Weller-Quartett
Konzert Wiener Konzerthaus -
Das Wiener Kammerorchester
Konzert Wiener Konzerthaus -
Das Wiener Oktett
Konzert Theater an der Wien -
Das Wiener Philharmonische Streichquartett
Konzert Theater an der Wien -
Ensemble „die reihe“
Konzert Museum des 20. Jahrhunderts -
Große Orgelmesse in Es-Dur
Messe Hofburgkapelle -
Kammermusik für Cembalo und Violine
Konzert Neue Burg -
Klavierabend Nikita Magaloff
Konzert Wiener Konzerthaus -
Klavierabend Rolf Kuhnert
Konzert Museum des 20. Jahrhunderts -
Klavierabend Rudolf Serkin
Konzert Wiener Konzerthaus -
Klavierabend Walter Klein
Konzert Wiener Konzerthaus -
Konzert der Bukarester Philharmonie
Konzert Wiener Konzerthaus -
Konzert der Johann-Strauß-Gesellschaft
Konzert Musikverein Wien -
Konzert der Wiener Symphoniker
Konzert Wiener Konzerthaus -
Konzert des Akademischen Orchestervereins
Konzert Musikverein Wien -
Konzert des London Symphony Orchestra
Konzert Wiener Konzerthaus -
Konzert des Radio Symphonie-Orchester Berlin
Konzert Wiener Konzerthaus -
Krönungsmesse
Messe Hofburgkapelle -
Liederabend Emmy Loose
Konzert Museum des 20. Jahrhunderts -
Liederabend Fritz Wunderlich
Konzert Theater an der Wien -
Liederabend Galina Wischnewskaja
Konzert Theater an der Wien -
Liederabend Irmgard Seefried
Konzert Theater an der Wien -
Meisterkurse für Klavier
Musik Internationales Kulturzentrum -
Messa da Requiem
Messe Wiener Konzerthaus -
Messe in As-Dur
Messe Pfarrkirche Liechtenthal -
Messe in B-Dur
Messe Malteserkirche -
Messe in d-moll
Messe Stephansdom -
Messe in Es-Dur
Messe Pfarrkirche Maria Geburt -
Messe in f-moll
Messe Hofburgkapelle -
Messe in G-Dur
Messe Hofburgkapelle -
Missa brevis in B-Dur
Messe Malteserkirche -
Missa choralis
Messe Franziskanerkirche -
Missa in die festo; Te Deum
Messe Stephansdom -
Missa solemnis in d-moll
Messe Altlerchenfelder Kirche -
Musikalische Weihestunde
Konzert Pfarrkirche Heiligenstadt -
Nelson-Messe
Messe Hofburgkapelle -
Nicolai-Messe
Messe Hofburgkapelle -
Orgelkonzert
Konzert Hofburgkapelle -
Paukenmesse
Messe Augustinerkirche -
Perlen aus Wien
Konzert Musikverein Wien -
Romeo und Julia
Konzert Wiener Konzerthaus -
Schlusskonzert des internationalen Mozart-Gesangwettbewerbes
Konzert Musikverein Wien -
Soiree musicale bei Kerzenlicht
Konzert Palais Schwarzenberg -
Sonderkonzert der Wiener Philharmoniker
Konzert Wiener Konzerthaus -
Spatzenmesse
Messe Malteserkirche
Bildende Kunst
-
Anton Hanak und Anton Kolig; Kurt Steinwendner zeigt Montagen
Ausstellung Künstlerhaus -
Burgtheater: 75 Jahre Bestehen
Ausstellung Österreichische Nationalbibliothek -
Das Werk des Architekten Otto Wagner
Ausstellung Historisches Museum der Stadt Wien -
Ernst Fuchs – Das graphische Werk 1945-1962
Ausstellung Galerie Willy Verkauf -
Fotoausstellung „Menschen im Käfig“
Ausstellung Staatsdruckerei -
Hans Hartung – Fritz Wotruba
Ausstellung Museum des 20. Jahrhunderts -
Historische Globen
Ausstellung Globussammlung -
Imago 63
Ausstellung Galerie im Griechenbeisl -
Meisterwerke der Handzeichnung aus der Albertina
Ausstellung Graphische Sammlung Albertina -
Österreichische Malerei nach 1945 (Österreichische Malerei der Gegenwart)
Ausstellung Galerie St. Stephan -
Österreichisches Volksgesicht
Ausstellung Volkskundemuseum Wien -
Paris
Ausstellung Rathaus -
Peter Fendi 1796-1842
Ausstellung Österreichische Galerie im Oberen Belvedere -
Unter der Brücke
Ausstellung Unter der Marienbrücke
Spielorte
- Akademie für Musik
- Alserkirche
- Altlerchenfelder Kirche
- Ateliertheater am Naschmarkt
- Augustinerkirche
- Burg Kreuzenstein
- Burgtheater
- Die Tribüne
- Dominikanerkirche
- Franziskanerkirche
- Heiligenkreuzer Hof
- Heiligenstädter Pfarrplatz
- Heldenplatz
- Hofburgkapelle
- Hof des Deutschherrenhauses
- Hof des Erzbischöflichen Palais
- Innerer Burghof
- Josefsplatz
- Judenplatz
- Karmelitenkirche
- Malteserkirche
- Minoritenkirche
- Museum des 20. Jahrhunderts
- Musikverein Wien
- Neue Burg
- Palais Schwarzenberg
- Pfarrkirche Heiligenstadt
- Pfarrkirche Liechtenthal
- Pfarrkirche Mariä Geburt
- Pfarrkirche Maria Geburt
- Pötzleinsdorfer Schloßpark
- Raimundtheater
- Rathaus
- Rathausplatz
- Schlosskapelle Schönbrunn
- Schuberts Geburtshaus
- Staatsoper
- Stephansdom
- Theater an der Wien
- Theater der Courage
- Theater in der Josefstadt
- Volksoper
- Volkstheater
- Wiener Konzerthaus