1972

Festivaldatum:
27. Mai – 25. Juni 1972
Intendant
Professor Ulrich Baumgartner
Liola Wiener Festwochen 1972 © Teatro Stabile di Catania
Liola Wiener Festwochen 1972 © Teatro Stabile di Catania

Ankündigung eines Großstadtfestivals
Ulrich Baumgartner

Ein Großstadtfestival? Ist denn das nicht ein Widerspruch? Ein Fest in der Großstadt, für die Großstadt? Eine eigenartige Aufgabe, zumal wenn sie nicht in der Ferien- und Hauptreisezeit veranstaltet wird. Hier vermag die Ambiance der Landschaft nicht den Vorteil zu verleihen wie andernorts, hier kann man sich nicht nur um einen musischen Schwerpunkt gruppieren, darf man sich weniger auf gemeinschaftsbildende Wirkung verlassen. Das Großstadtfestival — und Wien ist fast das einzige unter den großen Festveranstaltungen Europas — braucht den Massentourismus nicht erst zu erfinden, es muß mit seinem ähnlich wirkenden großstädtischen Alltag rechnen, mit dem es in Konkurrenz tritt und von dem es — im Endspurt vor der Sommerpause — überrollt zu werden droht. Es wird in Frage gestellt und stellt selbst Fragen. Die Wiener Festwochen sind zu 80 Prozent von heimischem Publikum besucht. Sie haben ihre Programmvorstellungen aus diesen besonderen Verhältnissen zu entwickeln versucht. Da die Gesamtsaison eines jeden Jahres auf einigen Gebieten der Kunst sehr reichhaltig ist (ungefähr 1200 Konzerte, über 350 Opernabende, 80 große und kleinere Schauspielpremieren, 150 größere und kleinere Ausstellungen) und da diese Saison, dem kulturellen Rang Wiens entsprechend, immer wieder Höhepunkte aufweist, ist das Feld festlicher Aktivität eng umrissen. Eine „Übersaison‘“ zu schaffen — indem man etwa statt eines berühmten Dirigenten deren drei in einem Konzert verpflichtet —, ist weder möglich noch sinnvoll. Was die Festwochen als Kriterium des Besonderen aufzuweisen haben, ist dies: unter einem Gesamtmotto oder auch ohne solch manchmal nur äußerlich einigendes Band etwas von dem vorzuführen, was im Verlauf der Saison nicht geboten werden kann! Die dadurch getroffene Auswahl ist interessanter, als man glaubt, und durchaus „festspielwürdig“. Unter ihre Möglichkeiten fallen ganze, hier nicht gepflegte Genres, wie Ballett oder Puppentheater, einzelne Kunstepochen oder Meister, die ganze Fülle internationaler szenischer Ensemblegastspiele konventioneller, aber auch avantgardistischer Bühnen, schließlich aber auch die stete Befassung und Erneuerung dessen, was wir unter Wiener Kunsttradition verstehen. Damit sind mehrere Funktionen erfüllt: Repräsentation, wie sie von Gästen und Wienern in gleicher Weise gefordert wird; Konfrontation und Edukation, ohne die ein sogenanntes Kulturleben sinnlos und der materielle Aufwand nicht zu rechtfertigen wäre; Selbstbesinnung und Gegenwartsnähe — die das Ziel aller kulturellen Bemühungen sein müßten.

Sieht diese Analyse der Gegebenheiten eines Großstadtfestivals reichlich abstrakt aus, so soll sie am Beispiel der Wiener Festwochen 1972 vitalisiert werden. Diesmal ohne plakatives Motto, doch mit einer — hoffentlich — ablesbaren Dramaturgie: ein Bekenntnis zur lebendigen Kunst und ihrem aktiven Publikum. Das heißt: traditionelle Bühnengastspiele im konventionellen, wenn auch sehr reizvollen Rahmen des Theaters an der Wien, doch mit einem Spielplan, der eine eher unkonventionelle Ausdrucksskala der Erneuerung des so geschmähten alten Theaters zeigt. Walter Felsensteins Opern- und Operetteninszenierungen, der heroische Versuch gegen die Musiktheaterroutine! Otto Schenks lebendige Klassikeraufführung! Das Ballettwunder am Beispiel Stuttgarts! Die Erneuerung des europäischen Schauspiels durch den Sizilianer Pirandello! Asiens uralter Mythos, heute von der Avantgarde als Ritual wieder aufgegriffen! Szenischer Bühnenrealismus und seine Überwindung, wie sie Towstonogow mit dem Leningrader Gorkitheater zeigt! Boy Goberts „Volkstheaterstil“ von der Waterkant! Auch der Musikverein ist an diesem Prozeß der Erneuerung beteiligt: Er nimmt sich das weite Gebiet der Interpreten vor. Drei internationale Wettbewerbe (Gesang, Violine, Klavier) als Festivalbeitrag, deren Juroren zum Großteil mit eigenen Konzerten aufwarten: Meister und Schüler gestalten ein gemeinsames Programm. Natürlich wird dieser ungewöhnliche und ungewisse Kern des Musikfestes — der einen Großteil der Arbeitskapazität beansprucht — von einem reichen Kranz großer, meist traditioneller Veranstaltungen umgeben. In diese Dramaturgie der Erneuerung fügen sich die Beiträge der anderen Wiener Bühnen. Um nur die interessantesten zu nennen: die „Maß für Maß“-Aufführung des Volkstheaters, die „Freischütz“- Premiere der Staatsoper, die Pinter-Erstaufführung im Akademietheater unter dem Gastregisseur Peter Hall oder das Gastspiel des Nürnberger Opernhauses in der Volksoper mit „Träume“, einem szenischen Werk des Koreaners Isang Yun. 

Die Wiener Festwochen sind in der merkwürdigen Situation, sich ihr eigenes Antifestival veranstalten zu müssen, während sich im Schatten großer westlicher Festivals die jugendliche Initiative oft von selbst den Auftritt plant. Diese Bemühung um die neuen Tendenzen der Schaubühne begann schon 1966 mit den Nachtstudios im Theater an der Wien, setzte sich in den folgenden Jahren im re-theatralisierten Metro-Kino (der einstigen „Insel“ Leon Epps) mit einem sehr reichhaltigen internationalen Programm fort und erreichte ihren einstweiligen Höhepunkt mit der schon sagenumwitterten, oft kopierten „Arena 70“ im Museum des 20. Jahrhunderts. War damals das Modell eines „Open house“ vorgeführt und zur Weiterführung angeregt worden, so soll diesmal ein anderes System zur Nachahmung reizen: Die interessanten Truppen aus London (Young Vic), New York (Sokolow’s Players Project, LaMama ETC Company), München (Experimentalstudio der Staatsoper) und Paris (Magic Circus) zeigen im unkonventionellen Raum Theater der offenen Formen, der Vermischung der Genres: Klassiker, angewandtes Ballett, Verquickung von jungem amerikanischem Theater und Musikbühne, deutsches Experiment, französisches engagiertes Pop-Theater. Junge österreichische Ensembles (Caf&theater, Gruppe Torso, Kontrapunkte usw.), in und außerhalb der Arena spielend, werden sich an den Gästen zu messen haben, vor allem aber von ihren Erfahrungen lernen können. Neben diesen Anregungen haben die Wiener Festwochen aber auch die Tradition ihrer Uraufführungen wieder aufgegriffen. Diesmal auf dem Schauspielsektor und im ungewohnten, aber bildhübschen Rahmen des Metro-Kinos, wo zwei jüngere Autoren, Wiener Autoren, mit ihren Bühnenerstlingen vorgeführt werden. Andre Heller, in letzter Zeit mit Chansons und kritischen Aphorismen stark im Widerspruch zur öffentlichen Meinung, hat ein Zweipersonenstück um eine symbolhafte österreichische Situation geschrieben und wird es selbst inszenieren. Peter Weiser, an anderer Stelle maßgebend im Wiener Kulturleben tätig, setzt sich in seiner Arbeit mit der jungen Generation originell auseinander, die Erarbeitung des Stückes wird im Sinne des Stückes auch kollektiv durchgeführt. So liegt — wir wollen Ausstellungen wie die Leningrader Eremitage Graphik-Schau oder die 75 Jahre Secessionsausstellung nur erwähnen — der Schwerpunkt der Wiener Festwochen 1972 auf Theater und Konzert, wie es die Tradition gebietet. Allerdings, so hoffe ich, unter einem etwas ungewöhnlichen, populären wie aggressiven Blickwinkel zusammengestellt.

Programm

Spielorte

  • Akademietheater
  • Albrechtsrampe
  • Altes Rathaus
  • Am Hof
  • Amtshaus 4
  • Auditorium maximum der Universität Wien
  • Baumgartner Casino
  • Beethovenhaus, Baden
  • Bildungsheim der SPÖ 14
  • Brauhofsaal, Mödling
  • Burggarten
  • Burg Kreuzenstein
  • Burgtheater
  • Collegium Hungaricum
  • Deutschordenshaus
  • Deutschordenskirche
  • Dominikanerkloster
  • Dr. Adolf Schärf Studentenheim
  • Festsaal der Bezirksvorstehung 9
  • Festsaal der Burg Perchtoldsdorf
  • Festsaal der Künstlerischen Volkshochschule
  • Festsaal der 3. Zentralberufsschule
  • Festsaal der Zentralberufsschule 12
  • Festsaal des Amtshauses 2
  • Festsaal des Amtshauses 3
  • Festsaal des Amtshauses 23
  • Festsaal des Klosters Notre Dame de Sion
  • Festsaal des ÖGB
  • Friedhof St. Marx
  • Gesellschaft der Musikfreunde
  • Geymüllerschlössel
  • Haus der Begegnung 6
  • Haus der Begegnung 21
  • Haus der Jugend 5
  • Heiligenkreuzer Hof
  • Heldenplatz
  • Hochschule für Musik und darstellende Kunst
  • Hofburgkapelle
  • Hof des Deutsch-Ordenshauses
  • Hof des Haydn-Hauses
  • Innerer Burghof
  • Josefsplatz
  • Josef Strauß Park
  • Joseph Haydn Geburtshaus
  • Kammerspiele
  • Kosmos Kino
  • Malteserkirche
  • Metro-Kino
  • Michaelerkirche
  • Museum des 20. Jahrhunderts
  • Neubauer Bürgerhaus
  • Oberes Belvedere
  • ORF - Großer Sendesaal
  • Palais Schwarzenberg
  • Paulanerkirche
  • Pfarre Gumpendorf
  • Pfarrkirche Breitenfeld
  • Pfarrkirche Breitensee
  • Pfarrkirche St. Anton von Padua
  • Pfarrkirche St. Michael
  • Pfarrkirche St. Peter
  • Pfarrkirche St. Ulrich
  • Pfarrplatz Heiligenstadt
  • Raimundtheater
  • Rathaus
  • Rathausplatz
  • Realgymnasium 17
  • Refektorium der Piaristen
  • Salvatorsaal
  • Schuberts Geburtshaus
  • Sommerrefektorium des Piaristenkollegiums
  • Staatsoper
  • St. Othmar, Mödling
  • Theater an der Wien
  • Theater in der Josefstadt
  • Universität Wien
  • Volksbildungshaus Margareten
  • Volksoper
  • Volkstheater
  • Votivkirche
  • Wiehmans-Saal
  • Wiener Kammeroper
  • Wiener Konzerthaus
  • Wiener Stadthalle
  • Wiener Yacht Club