1973

Festivaldatum:
19. Mai – 17. Juni 1973
Direktion:
Amtsrat Hildegarde Waißenberger
Intendant:
Prof. Ulrich Baumgartner
Präsidentin:
Vizebürgermeister Gertrude Fröhlich-Sandner
Eröffnung Wiener Festwochen 1973 © Votava / brandstaetter images / picturedesk.com
Wiener Festwochen 1973 © Votava / brandstaetter images / picturedesk.com

Die Wiener Festwochen und ihr Programm

Die 23. Festwochen in unserer Stadt haben sich wieder ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: sie wollen in der — hoffentlich schönen Frühsommerzeit einen starken künstlerischen Akzent setzen, wollen Einheimische wie Gäste zu einer großen Gemeinde von Kunstliebhabern versammeln, wollen vier Wochen lang ein gemeinsames Fazit ziehen aus den vielfältigen Bemühungen, wie sie die Saison über renommierte Kunstinstitute unserer Stadt im einzelnen vorführen. Das vorliegende Programm gibt einen Überblick über alle diese Bestrebungen. Lassen Sie mich, ohne die anderen Veranstaltungen, die Premieren der Theater, die Ausstellungen, die Bezirksveranstaltungen usw. vergessen zu wollen, hier auf drei Zyklen näher eingehen:

Das internationale Musikfest im Konzerthaus: Mozart — vor allem die Klavierkonzerte —, Bartok und Werke der vier französischen Komponisten Debussy, Ravel, Messiaen und Boulez, sind die Träger des heurigen Festwochen Konzertprogramms. Damit ist die Konzerthausgesellschaft einem Weg treu geblieben, den sie bei den bisherigen fünfzehn Musikfesten fast nie verlassen hat: seltener Gehörtes aufzuführen oder Komponisten, deren Werk noch immer nicht Allgemeingut des Wiener Musikpublikums ist, endgültig zu etablieren, sowie in exemplarischer Weise musikalische Entwicklungen, die für die Musik der Gegenwart von entscheidender Bedeutung sind, in ihren Zusammenhängen darzustellen.
Warum dann Mozart? Die Antwort ist einfach. Soviel er auch gespielt wird, seine Klavierkompositionen sind bedauerlicherweise selten zu hören. Und Bela Bartok? Ihn gilt es erst zu entdecken wie vor sechs Jahren Gustav Mahler, der aber dann nach dem Festwochenzyklus eine weltweite Renaissance erlebte. Die französischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, die auf dem Festwochenprogramm stehen, haben die Musik unserer Tage entscheidend beeinflußt und sind wichtige Brückenschläger. in diesem Zusammenhang stellen wir auch zwei Konzerte mit Werken bedeutender Komponisten der Gegenwart: György Ligeti und Anton Heiller. Berühmte internationale Künstler sind die Interpreten der über 40 Konzerte.

„Alles ist Spaß auf Erden...“ Zum Opera-buffa-Festival: „Buffa“ heißt im Italienischen der Schwank, die Posse. „Opera buffa“ ist also der lustige Teil einer ursprünglich sehr seriösen Angelegenheit. Denn als vor fast 400 Jahren würdige Herren in Florenz zusammentraten, um — in der Annahme, das griechische Drama mit einer Art Sprechgesang zu neuem Leben zu erwecken —, fast versehentlich die heute noch munter existierende Oper zu gründen, hatten sie mit diesem dramma per musica wenig Heiteres im Sinn. Es scheint jedoch ein ehernes Gesetz menschlichen Handelns zu sein, daß alle Hervorbringungen, mit großem Ernst begonnen, irgendwie im Trivialen enden. Freuen wir uns, daß in unserem Falle sich eine so virtuose, überaus ästhetische unterhaltsame Trivialität manifestierte. Denn die Mehrzahl der Menschen liebt eben Unterhaltung mehr als die sogenannten „ewigen“ Werte. Und mit dieser Mehrzahl — Publikum genannt — mußte die neue Kunstform Oper in Berührung kommen, als sie die elitären Florentiner Salons verließ und eine rasche Entwicklung nahm. Da in Italien eben die Commedia dell’arte in vollem Schwung war ein genial verkauztes Volkstheater, verlangte das Volk auch in den neuartigen Genre danach. In kleinen Zwischenspielen, „Intermezzis“, wurden anspruchslose Geschichten aus dem Inventar des volkstümlichen Mimus — Herr, Zofe, Diener, ihre Liebesabenteuer, Täuschungsmanöver und Rüpeleien — zwischen Akten der Opera seria eingeschmuggelt. Aber die eigentliche Buffa — das heiß Musik und Situation, die von sich aus zur Komik befähigt ist und nicht gewaltsam draufgepfropft werden muß —, entwickelt sich erst Anfang des 18. Jahrhunderts in Neapel. Ein hochgezüchteter musikalischer Stil, wie ihn Scarlattis Arienoper verkörperte, südländisches Gesangstalent, das zur berühmten italienischen Belcantokultur führte, der schneller und ausdrucksvoller werdende
orchestrale Rhythmus, ein für das Komische unentbehrliches Element, waren die musikalischen Voraussetzungen, die allgemeine Situation in Neapel das auslösende Moment. Denn die opera seria war hochgestochen und elitär, versperrte dem volkstümlich komischen Element den Raum. „La serva padrona“ von Pergolesi (1733) ist das erste international durchschlagende Werk, das älteste heute im Opernrepertoire stehende. Damit wurde die neapolitanische opera buffa ein erfolgreicher Exportartikel. Sie hatte Folgen: in Paris entfachte Pergolesis harmloses Stückchen den „Buffonistenkrieg“, an dem sich auch die Philosophengarde der Aufklärung beteiligte, der zur „opera comique“ führte. In England entstand aus Opposition zu Händels neapolitanischen Operngiganten die parodistische „Bettleroper“, an den kleinen Höfen Norddeutschlands wurde das sehr harmlose deutsche Singspiel geübt, in Wien eine eigenartige Mischung von Vorstadt-Zauberposse und Abglanz italienischer Buffa: Tradition gepflegt, die mit Mozart einen Weltgipfel erreichte. Eine zweite Welle sozusagen nahm wieder von Italien ihren Ausgang: Venedigs bürgerliche Spätkultur, in Goldonis Komödien mit leiser Wehmut gezeichnet, aber auch die französischen Vielschreiber der vorrevolutionären Periode, ja sogar schon ein frühe Hauch von sentimentaler Romantik, dazu eine fast dekadent virtuose Musikkultur, schufen eine Ausgangsbasis, die die Buffa befähigte, realistische Alltagsnähe, intellektuelles Gedankenspiel und mimische Urkraft einen Schritt weiterzutreiben. Rossini, Donizetti, Auber waren die Großmeister, die auch Wien in einen wahren Taumel versetzten und eine Breitenwirkung in der ganzen Welt erzielten, die nur dem heutigen Siegeslauf des Fernsehens, vergleichbar ist. Damit aber schien auch ein toter Punkt erreicht zu sein: die Verbürgerlichung, heute würden wir sagen Demokratisierung, nahm der Buffa ihre oppositionelle Schärfe, ihre sozioloische Funktion. Während die ersten klassischen Wiener Operetten noch mit einem gewichtigen Bein in der großen Buffa-Tradition stehen, kann man die Verharmlosung des Genres in den folgenden Werken genau verfolgen.

Ich weiß nicht, ob man die heiteren Opern vom Ende des 19. Jahrhunderts an zu Recht in diesen Zusammenhang stellen kann. Es sind erstaunliche Meisterwerke, doch aus sehr anderem Geist:  man revoltiert weniger gegen gesellschaftliche Zustände, mehr gegen zeitgenössische künstlerische Strömungen. Verdi gegen Wagner, „Falstaff“ gegen „Meistersinger“. Es wäre zu verlockend, dieses Puzzlespiel weiterzuführen, aber Puccinis „Gianni Schicchi“, Smetanas „Verkaufte Braut“, die Richard-Strauss-Opern „Der Rosenkavalier“, „Arabella“ und die „Schweigsame Frau“, um nur einige zu nennen, darin hat sich doch noch seht viel von der Buffa erhalten. Dem Musiktheater des 20. Jahrhunderts vergeht immer mehr das Lachen, je näher wir dem heutigen Tag kommen. Erst sah es noch ganz gut aus: Prokofieffs „Liebe zu den drei Orangen“, Brechts „Dreigroschenoper“, Strawinskys „Rake’s Progress“, sie basieren auf einer fast vivisektionistischen Verarbeitung älterer Erfolgsstoffe und -kompositionen, verwenden ironisierende Collagetechnik und aktuell politische Verfremdung. Die neuen Kompositionstechniken seither können nur sehr schwer ihren technologischen Rahmen überwinden und finden für das Heitere kaum Assoziationen, außer vielleicht grausamen Galgenhumor. Allerdings — sie haben Zeit. Denn noch zu keiner Zeit hat man begonnen, sich so intensiv und perfekt für das Alte zu interessieren und wieder in den Geist vergangener Jahrhunderte einzudringen. So geschieht es auch mit unserer Opera buffa, für die wir in einem so traditionsreichen Haus wie dem Theater an der Wien für vier Wochen eine ansprechende Heimat aufgebaut haben.

Arena 73 im Museum des 20. Jahrhunderts

Die Veranstaltungen der „Arena“ der Wiener Festwochen im Museum des 20. Jahrhunderts sind heuer unter einem Motto zusammengestellt: Kinder- und Jugendtheater. Das ist ganz im Sinne dieser unkonventionellen Festwocheneinrichtung — wenn schon ein Studio, ein Experimentierfeld, ein Antifestival, dann soll es auch Anregung bieten und Spuren hinterlassen. Nun ist es ja keine Erfindung unserer Tage, für die jüngste und junge Generation Theater zu spielen. Im Gegenteil, sie ist wahrscheinlich älter als das Theater selbst. Aber von Zeit zu Zeit, und wir erleben heute eine derartige, haben sich die Bestrebungen in den Institutionen festgefahren. Kräftige eigenständige Ansätze unseres Jahrhunderts (Schultheater, Laienspielbewegung, politisches Theater) sind den unseligen ideologischen Belastungen unserer jüngsten mitteleuropäischen Geschichte zum Opfer gefallen. So standen zuletzt nur mehr Zirkus und Kasperltheater in ziemlich armseliger Form und Stadttheatermärchen und Klassiker in ziemlich verkitschter zur Verfügung. Andererseits wird der Jugend unserer Tage ein perfekter, allerdings wohl auch arg manipulierter Ersatz direkt ins Haus geboten: das Werbefernsehen, das, so glaube ich, die Erlebnisgewohnheiten der letzten Generation von Grund auf neu gestaltet. Keine Generation vorher ist in einer derartigen — allerdings sehr anonym kommerzialisierten — Theatralisierung aufgewachsen. In den letzten Jahren nun ist sich das Theater — besser gesagt einige wenige Gruppen — dieser neuen Situation bewußt geworden. Während im sozialistischen Osteuropa schon seit Dezennien eifrig spezielles Jugendtheater gepflegt wurde, allerdings in formal und dramaturgisch sehr traditionellen Bahnen, bildeten sich in Schweden, Berlin und Italien experimentierende Jugendtheater, die sich eine eigene Literatur und einen, dem Dokumentartheater ähnlichen Stil erarbeiteten. In der letzten Zeit ist ziemlich kräftig Wien gefolgt: das Theater der Jugend und das der „Courage“ haben sich sehr bewußt diesen Bestrebungen angeschlossen. Allerdings ist die Diskussion, ihre theoretischen Grundlagen wie praktischen Auswirkungen noch in einem ziemlich unausgereiften Zustand. Klassiker sind erst zu erwarten. Diesen Umständen haben wir versucht, in der „Arena 73“ Rechnung zu tragen. An Beispielen des Kindertheaters zeigen wir folgende Vorstellungen: Als Eigenproduktion inszeniert Herwig Seeböck mit einem Freundeskreis „Fazz & Zwoo“ von Ken Campbell, ein sehr flottes, modernes Märchen. Für die Entwicklung, die das Grips-Theater angeregt hat, werden, Die Mugnog-Kinder“ stehen, Diskussionsstoff für die Kinder über das Familienleben. Als Beispiel einer kontinuierlichen Theaterarbeit für Kinder im Bereich einer ländlichen Stadt wird Landshut das „Tapfere Schneiderlein“ aufführen. Das Teatro del Sole aus Mailand bringt mit der „Stadt der Tiere“ eine Lösung der in Italien entwickelten „Animazione“, das heißt ein aus Kindertexten zusammengebasteltes Stück wird von besonders mit diesem Stil vertrauten Schauspielern gezeigt. Auch die anderen Gasttruppen nehmen in eigenen Programmen auf die Kinder Bezug. Also: jeden Nachmittag um 15.30 Uhr, Kinder bis zu 8, 9 Jahren, versammelt euch! Die Jugendvorstellung am Abend (sie richtet sich ja nicht nur an 17jährige, sondern es sind darüber hinaus alle Altersklassen willkommen!) bringt verschiedene Modelle: ein spezielles Jugendstück, ein musikähnliches Werk, eine moderne Oper, Ballett, Show, einen griechischen und einen modernen Klassiker. Eine Gemeinschaftsproduktion der Wiener Festwochen mit dem Theater der Jugend ist „Ostindienfahrer“, ein Stück der Jugendtheatergruppe Göteborg. Im Mittelpunkt des Stückes steht ein korrupter Kapitän, der seine Mannschaft übel behandelt. Es kommt zu zahlreichen Arbeitsunfällen, zu Meuterei und schließlich zur Absetzung des Kapitäns. In einem langen Gespräch mit den Matrosen gibt der Mann seine Fehler zu und schlägt sich zum Schein auf ihre Seite. Kaum ist das Schiff an Land, holt der Kapitän Militär und läßt die Matrosen verhaften.

Wolfgang Ambros und sein Freund Josef Prokopetz haben im „Fäustling“, einer Faust-Variante, eine anregende Wiener Dialektdichtung mit Popmusik versehen, Otto M. Zykan, ein anderes Wiener Wunderkind, bringt seine ausgeweitete freche multimediale „Singer“-Oper zum erstenmal szenisch auf die Bühne. Das amerikanische Theater der Taubstummen wird, so hoffe ich, mit seiner „Gilgamesch“-Aufführung eine Sensation bringen: gestisches Theater, Musik, Pantomime, von einigen Sprechern kommentiert. Die Theaterschule des polnischen Nationaltheaters zeigt eine sophokleische „Antigone“, in der der Generationskonflikt ganz modern zutage tritt, und das Stadttheater Landshut bringt Brechts „Dreigroschenoper“ höchst frech und witzig. fast wirklich im Bettlermilieu. Schließlich noch etwas ganz Ausgefallenes: das holländische Scapino-Ballett, ein Jugendballett, das ganz ernsthaft große Kunst, modernes Tanztheater für die Jugend ringt.

Programm

Theater

Spielorte

  • Akademietheater
  • Amerika-Haus
  • Arenbergpark
  • Augustinerkirche
  • Beethovenhaus, Baden
  • Beethoven-Saal
  • Brauhofsaal, Mödling
  • Burg Kreuzenstein
  • Burgtheater
  • Deutschordenskirche
  • Dominikanerkloster
  • Donauparkhalle
  • Festsaal der Burg Perchtoldsdorf
  • Festsaal der Bezirksvorstehung 7
  • Festsaal des Amtshauses 2
  • Festsaal des Amtshauses 4
  • Festsaal des Österreichischen Gewerkschaftsbundes
  • Freudenau
  • Friedhof St. Marx
  • Geymüllerschlössel
  • Haus der Begegnung 6
  • Haus des Buches
  • Haydn-Haus
  • Heiligenstädter Pfarrkirche
  • Hochhaus 2, Praterstern 1
  • Hof des Alten Wiener Rathauses
  • Josef Strauß Park
  • Joseph Haydn Geburtshaus
  • Karlskirche
  • Karmelitenkirche
  • Kirche St. Michael
  • Lainzer Tiergarten
  • Malteserkirche
  • Minoritenkirche
  • Museum des 20. Jahrhunderts
  • Neubauer Bürgerhaus
  • Patronatspfarrkirche der Stadt Wien zum Heiligen Leopold
  • Pfarre Maria Geburt
  • Pfarrkirche Breitensee
  • Pfarrkirche Lichtental
  • Pfarrkirche St. Peter
  • Pfarrkirche St. Ulrich
  • Raimundtheater
  • Rathausplatz
  • Realgymnasium 17
  • Salvatorsaal
  • Schlosskapelle Schönbrunn
  • Staatsoper
  • Stephansdom
  • St. Othmar, Mödling
  • Technisches Museum
  • Theater an der Wien
  • Theater in der Josefstadt
  • Volksoper
  • Volkstheater
  • Votivkirche
  • Wiener Kammeroper
  • Wiener Konzerthaus
  • Wiener Musikhochschule
  • Wiener Stadthalle