1974

Festivaldatum:
25. Mai – 23. Juni 1974
Intendant:
Prof. Ulrich Baumgartner
Eröffnung Wiener Festwochen 1974 © Votava / brandstaetter images / picturedesk.com
Eröffnung Wiener Festwochen 1974 © Votava / brandstaetter images / picturedesk.com

Ein Motivenbericht zum Programm

Jedes Jahr, bei Erscheinen des Festwochen-Programms, wird mir die Frage gestellt: Was werden die Höhepunkte diesmal sein? Diese Frage ist für mich unbeantwortbar. Erstens weiß man das immer erst im nachhinein, ist doch die glanzvollste Aufführung, das zugkräftigste Werk, der bombensicherste Interpret oft unwägbaren Beeinträchtigungen ausgesetzt. Dann hängt die Beantwortung vom Fragesteller selbst ab, von seinen eigenen Erwartungen, seiner Bildung, seiner kreativen Reaktionsfähigkeit. Und schließlich bestehen die Wiener Festwochen aus einer großen Summe von Veranstaltungen, die zusammen erst ein konturiertes Programm ergeben. 1974 haben wir uns verschiedene Themen und Ziele gesteckt. Ein rein praktisches Vorhaben – nämlich, daß einfach mehr Leute zu künstlerischen Veranstaltungen gehen – umschreibt man heute gern mit dem Schlagwort „Gewinnung neuen Publikums“. Nun, ich glaube nicht, daß man in Wien überfallsartig ein derartiges finden wird. Doch um einiges auszuprobieren, wo und wie man ansetzen soll, haben wir die Basis etwas verbreitert: eine ganze Anzahl großer symphonischer Konzerte im Musikverein wird wiederholt (was in den Festwochen exzeptionellerweise noch nie der Fall war), damit der elitäre Kreis der Festwochenbesucher etwas gesprengt werden kann. Erstmals ist auch die Stadthalle in das Programm der Festwochen einbezogen, mit einem außergewöhnlichen Ereignis (zehn Abende klassisches Ballett), und wird die Volksoper eine berühmte amerikanische Tanztruppe aufnehmen. Das sieht wie kleine Schritte aus, doch handelt es sich um über 40.000 zusätzliche Sitzplätze. Zusammen mit den Bemühungen in den Gemeindebezirken stellt es den Beginn einer geplanten Dezentralisierung dar. 

Drei Themen beherrschen das Programm: Das konzertante Gebiet, dem ja in Wien besondere Bedeutung zukommt, ist Anton Bruckner (150. Geburtstag) durch Aufführung fast seines gesamten Werkes gewidmet. Das halte ich – nicht nur der Monumentalität halber – für ein echtes Festwochenthema. Da Bruckner zwar in Österreich sehr geliebt, im Ausland aber noch nicht derart durchgesetzt ist, soll den Musikfreunden in aller Welt die Bedeutung dieses großen österreichischen Komponisten mit dem Nachdruck von Festwochen eindringlich vorgeführt werden. Gleichzeitig ergibt sich ein Anlaß, einmal – neben drei renommierten Gastorchestern – auch fünf österreichische Orchester einzusetzen, was bis jetzt in den Festwochen noch nie der Fall war. Die Kammermusik. die Werke der mit dem Wiener Musikleben besonders verbundenen Komponisten Franz Schmidt, Richard Strauss, Hans Pfitzner, Paul Hindemith bringt, wird ausnahmslos von Wiener Ensembles aus dem Kreis der Philharmoniker bestritten. Daß Arnold Schönberg (100. Geburtsjahr) hier zu kurz kommt, war uns bei Konzeption des Programms schon vor Jahren klar. Doch war ja die „Neue Wiener Schule“ vor wenigen Jahren, zu einem uns pädagogisch richtiger erscheinenden Zeitpunkt, schon umfassendes Festivalthema. Auch haben die Konzertinstitutionen die Schönberg-Pflege in die laufende Saison verlegt. Die szenischen Aufführungen stehen eigentlich unter dem Motto „Klassiker heute''. einem Thema, dem man in letzter Zeit in Wien ausgewichen ist. Die Gastspiele wurden nach dem Gesichtspunkt einer evolutionären Ästhetik ausgesucht: nicht die Umdeutung des Autors, die Ironisierung oder Politisierung der Handlung, die Schockierung des Publikums. wie sie ein gewisser Teil der Theaterfreunde heute schätzt, sondern die evolutionäre Aktualisierung bei Beibehaltung aller ursprünglichen Elemente soll gezeigt werden.

Im Theater an der Wien wird Strehler eine höchst einprägsame Auffassung von Shakespeares „König Lear“ mit seinem Piccolo Teatro Milano, Frank Dunlop ein sicher sehr vergnügliches „Viel Lärm um nichts“ (von William Shakespeare) mit seinem Londoner Young Vic vorführen. Das Stary Teatr Krakau wird in Jerzy Jarockis Fassung und Regie Kafkas „Der Prozeß“ bringen, wobei Franz Kafka – vor 50 Jahren in der Nähe Wiens gestorben – längst (ein bei uns theatralisch selten behandelter) Klassiker sein sollte. Dann kommt der interessante Regisseur Antoine Bourseiller mit einer Aufführung von Racines bei uns seit Menschengedenken nicht gespielter „Phädra“. In derselben Richtung bewegt sich auch die Opernaufführung, die in Wien sicher heftige Diskussion hervorrufen wird: die Inszenierung des weltbekannten Choreographen Maurice Bejart von Verdis „Traviata“, die die Brüsseler Königliche Oper nach Wien bringen wird. Und auch das japanische Bunrakutheater hat Mit dem Thema der Klassikeraktualisierung zu tun, war es doch bei Beibehaltung seiner 300 Jahre alten Tradition immer wieder von großem Einfluß auf die europäische Dramatik und Aufführungstechnik. Auch die Premieren der Wiener Bühnen haben unser Thema aufgegriffen: die Schnitzler-Premieren von Volkstheater und Josefstadt, „Mutter Courage" in der Burg und ,.Maria Stuart“ im Akademietheater stellen erfreulicherweise weitere Variationen. 
Einen weiteren Schwerpunkt der Festwochen 1974 stellt das Ballettfestival dar, das von vier sehr verschiedenen interessanten Kompanien bestritten wird. Die nun schon internationale Truppe aus der Uralstadt Perm bringt die hohe klassische Schule der russischen Balletttradition.

Das Harkness-Ballett zeigt die virtuose Weiterentwicklung dieses Stils in den USA. Die fulminante Truppe Alvin Aileys und die avantgardistischen Tänzer Murray Louis runden das Spektrum, das Wiens manchmal zu kurz gehaltenem Ballettpublikum immerhin neun verschiedene Programme in den vier Festwochen bieten wird.  Eine Reihe von großen Ausstellungen illustriert die Gedenktage des heurigen Jahres. Der 200. Geburtstag von Franz Anton Maulbertsch, des wohl bedeutendsten österreichischen Barockmeisters, war erfreulicherweise Anlaß zur denkmalpflegerischen Restaurierung einiger Objekte, die seine Werke beherbergen: das Piaristenkloster in Wien, das niederösterreichische Schloß Heiligenkreuz-Gutenbrunn, das Schloß Halbturn im Burgenland sind die Schauplätze einer originell dezentralisierten Schau. Die Schönberg-Ausstellung in der Wiener Sezession wird auch ein  Großteil der Bilder des Komponisten bringen, der ja bekanntlich ein interessanter expressiver Maler war. Wie man aus den bisherigen Überlegungen gesehen hat, sind die Wiener Festwochen bestrebt, in ihren Programmen nicht nur „erlesene“ das heißt doch sehr elitäre Kunstereignisse zu vereinigen, sondern womöglich informative, beispielgebende, sonst nicht im Kunstleben dieser Stadt aufscheinende Manifestationen vorzuführen. Von allen bisher gebotenen derartigen Versuchen hat die „Arena“ die größte Wirkung gehabt. Die Bezeichnung Arena, die ja nur für eine bestimmte, von mir sehr bevorzugte Bühnenform gedacht war, ist in den Wiener Sprachschatz als Synonym für „modern“ eingegangen. Aus verschiedenen Gründen haben wir für 1974 auf das uns liebgewordene Museum des 20. Jahrhunderts, dem wir uns freundschaftlich verbunden fühlen, verzichtet und verlegen die „Arena 74“ in das Theater im Künstlerhaus. In  dem Zusammenhang des Arena-Programms müßte man eigentlich auch ein Gastspiel  des Budapester Vigszinhaz mit einem Musical nach der Novelle Tibor Derys ,,metaphysische Erinnerung an ein amerikanisches Popfestival“ steIlen das im Volkstheater stattfindet, oder den Versuch, oder den Versuch, den wird mit einem Straßentheater in den neuen Siedlungen an der Peripherie Wiens unternehmen werden. 

Es ist vielleicht ganz gut, statt der bloßen Aufzählung eines Programms über die Motive zu berichten, die zu seiner Zusammenstellung führten. Denn wir erhoffen uns ja immer statt eines rein passiven Publikums den mitdenkenden, wahrhaft teilhabenden Zuschauer, ohne den jede Kunst wertlos bliebe. 

Programm

Spielorte

  • Akademietheater
  • Arena
  • Burgtheater
  • Die Tribüne
  • Haus der Begegnung 22
  • Kleines Theater im Konzerthaus
  • Musikverein Wien
  • Raimundtheater
  • Rathaus
  • Staatsoper
  • Theater in der Josefstadt
  • Volksoper
  • Volkstheater
  • Theater an der Wien
  • Wiener Kammeroper
  • Wiener Stadthalle