1985

Festivaldatum:
15. Mai – 16. Juni 1985
Generalsekretärin:
Reg.-Rat Hildegarde Waissenberger
Intendantin:
Dr. Ursula Pasterk
Präsident:
Stadtrat Franz Mrkvicka
Eröffnung Wiener Festwochen 1985 © Wiener Festwochen
Eröffnung Wiener Festwochen 1985 © Wiener Festwochen

Als Stadt mit einer großen kulturellen Tradition, von der wichtige Anregungen für die kulturelle Entwicklung des 20. Jahrhunderts ausgegangen sind, und als Ort der Begegnung zwischen Ost und West hat Wien gegenüber anderen Festspielorten eine Sonderstellung, die wir in Zukunft in maximaler Weise zu nützen versuchen werden. Hier liegt eine Grundlage zur Unverwechselbarkeit dieses Festivals. Ein zentrales Thema der Wiener Festwochen 1985 ist das international wieder neu entdeckte Wien der Jahrhundertwende. Im Mittelpunkt steht die repräsentative Großausstellung „Traum und Wirklichkeit“ im Künstlerhaus, die ja schon seit Ende März ein Anziehungspunkt ist. Den geistigen Wurzeln dieses Wiens der Jahrhundertwende widmet sich ein Festwochen-Symposium im Schubert-Saal des Konzerthauses, bei dem in- und ausländische Wissenschaftler unter dem Ehrenvorsitz von Carl E. Schorske den „Zeitgeist des Wien um 1900“ aus der Sicht des „Zeitgeists des Wien um 1985“ diskutieren werden. Wichtige Werke aus der Zeit der Jahrhundertwende von Schnitzler bis Zemlinsky finden sich aber auch auf dem Festwochenprogramm der Wiener Bühnen und des Musikfestes. Die ausführliche und fundierte Beschäftigung mit der Vergangenheit und Tradition dieser Stadt ist eine wesentliche Aufgabe der Wiener Festwochen. Gleich wesentlich ist aber als Gegengewicht und Ergänzung die größtmögliche Offenheit gegenüber neuen Kunstströmungen und Anregungen von außen. Denn nur in dieser doppelten Aufgabenstellung von Selbstdarstellung einerseits und Darstellung internationaler Gegenwartskunst andererseits kann ein Großstadtfestival heute bestehen.

Dabei geht es nicht um modisch Progressives, wohl aber um ein facettenreich ausgewähltes Programm, das kulturelle Eigenständigkeit verrät, den Kriterien hoher Qualität gerecht wird und darüber hinaus Bezüge zwischen Tradition und Moderne aufhellt, wie sie in dieser Weise anderswo nicht behandelt werden. Gastspiele im Theater an der Wien und im Volkstheater, wie die „Antike-Entdeckungen“ von Christoph Schroth aus Schwerin und drei aktuelle deutsche Schiller Inszenierungen, die - jede auf ihre Weise - eine Antwort zu geben scheinen auf die Frage „Klassiker spielen - aber wie?“, sind Teile dieses Festwochen-Gegengewichts. Noch radikaler ist der Schritt in den Messepalast, wo die Festwochen in vier Hallen Raum für neue Darstellungsformen und neue Inhalte aus dem In- und Ausland schaffen. Neben drei Inszenierungen des stilprägenden Regisseurs George Tabori, die nicht einfach als fix und fertiges Gastspiel übernommen werden, sondern am Begegnungsort Wien-Messepalast neu er-fahren werden sollen, stehen drei ganz unterschiedliche Produktionen von oder mit Frauen im Mittelpunkt: „Donna Giovanni“ — das Don Juan-Thema nachempfunden von sieben Mexikanerinnen unter Beibehaltung der Mozart-Musik, „Sylvia Plath“ - das Heidelberger Tanztheater setzt sich mit Leben und Sterben der amerikanischen Dichterin auseinander, „Jacke wie Hose“ - die Witwe eines Arbeiters schlüpft in der Not der Wirtschaftskrise unerkannt in die Rolle ihres Mannes. Eine Produktion aus Bochum.

Als österreichische Produktionen werden zu sehen sein: Die österreichische Erstaufführung des Stückes „Die Kette Kolin“ von Arnolt Bronnen durch die Gruppe Theater mbH. präsentiert Szenen aus den letzten Kriegstagen, ein Stück „für die Lebenden und die Wahren: gegen die Mörder der Menschheit“, wie Bronnen dazu schreibt. „Das letzte Fest— eine Wiener dramatische Ausstellung“ von Ruben Fraga zeigt Bilder in dramatisch-visueller Einheit, integriert in die Geschichte Wiens. Die Schmetterlinge werden mit dem geradezu klassischen österreichischen Titel „Nix is fix“ den Jubeltag — 40 Jahre Frieden — begehen. Das Jura-Soyfer-Theater bereitet einen Kurzunterricht in österreichischer Geschichte vor. Titel der Revue ist „Heimat bist du — ein österreichischer Freistilkampf in 15 Runden“. Parallel dazu wird in der U-Halle des Messepalastes die Ausstellung „Drei Tage im Mai“ 20 Jahre Alltagskultur im Wien der Nachkriegszeit (1945 bis 1965) dokumentieren. Ebenfalls mit der kulturellen Entwicklung in Wien vor und nach dem Friedensjahr 1945 befaßt sich die zweite Festwochenausstellung mit zeitgeschichtlichem Bezug „1945 - Davor/Danach“ im Museum des 20. Jahrhunderts.

Die Einladung an junge österreichische Künstler, sich an einer Plakataktion zu beteiligen, die während der Festwochen großflächig Wien zu einer Open-Air-Galerie machen soll, ist Teil des Konzepts, die zeitgenössische Kunst und ihre Künstler nicht nur als Alibi ins Programm einzubauen. Wir freuen uns aber auch, mehrere Wiener Theatergruppen für Festwochenprojekte gewonnen zu haben. So zieht Gratzers Schauspielhaus in die wunderbare Jugendstilkirche am Steinhof, um dort mit seinem Ensemble Pirandellos „Riesen vom Berge“ als Festwochenproduktion zu realisieren. Erwin Piplits und sein unvergleichliches Serapionstheater feiern aus Anlaß der Wiener Festwochen das fünfjährige Jubiläum auf besondere Art - nicht nur mit einer vom Publikum zu Recht geforderten Wiederaufnahme unvergeßlicher Produktionen, sondern auch mit der Transferierung eines dieser Stücke in die „freie Luft“ des Augartens. Daß diese angeführten Programminhalte nur Beispiele aus dem Festwochenprogramm 1985 sind, das außerdem Händels „Giulio Cesare“ als Eigenproduktion und das Kabuki-Gastspiel umfaßt, erkennen Sie beim Studium der folgenden Seiten sofort. Wir haben noch mehr zu bieten. Machen Sie uns und sich selbst die Freude und werden Sie heuer ein fleißiger Gast unserer Festwochen.

Dr. Ursula Pasterk,
Intendantin der Wiener Festwochen

Programm

Theater

Spielorte

  • Akademietheater
  • Augarten – In einer Allee
  • Augustinerkirche
  • Café Ring
  • Café Sperl
  • Freie Bühne Wieden
  • Gasthaus „Apropos Hernals“
  • Kirche am Steinhof
  • Kulisse
  • Messepalast Halle D
  • Messepalast Halle L
  • Messepalast Halle R
  • Messepalast Halle U
  • Metropol
  • ÖBB Simmering
  • Österreichisches Filmmuseum
  • Rathausplatz
  • Schauspielhaus
  • Serapionstheater
  • Sigmund-Freud-Hof
  • Studio Molière
  • Szene Wien
  • Tatgalerie
  • Theater an der Wien
  • Theater in der Drachengasse
  • Theater Gruppe 80
  • Volksoper
  • Volkstheater
  • VT-Studio im Konzerthaus
  • Wiener Konzerthaus