1986
Das Programm der Wiener Festwochen 1986
Ein Überblick von Ursula Pasterk
Ein Querschnitt durch die interessantesten Mozart-Inszenierungen der heutigen Zeit, ein großer internationaler Ausstellungsschwerpunkt zur zeitgenössischen - und Kunst, Jürgen Luc Bondys Goschs „Oedipus“ „Triumph der als zwei Liebe“ ebenso herausragende wie extrem unterschiedliche Formen der Werkentdeckung und Theaterarbeit heute, zwei Stücke zur jüngeren Zeitgeschichte, eine Uraufführung des Serapionstheaters, und viel Grenzüberschreitendes zwischen Text — Musik —Bild —Theater, zwischen E- und U-Bereich - das ist nur ein Ausschnitt aus dem Angebot der heurigen Festwochen, zu deren Besuch ich Sie sehr herzlich einladen möchte. In Wien, jener Stadt, der man mit Vorliebe einen fatalen Hang zur Vergangenheit nachsagt, hat sich ein erfreulicher Wandel vollzogen. Mit ihrem, uns inzwischen auch im Ausland attestierten, erfrischend vitalen Klima und ihrer lebendigen Kunstszene möchte ich die Stadt allerdings noch mehr als bisher auch als Schauplatz für Großausstellungen zeitgenössischer Kunst sehen. Der heurige Ausstellungsschwerpunkt der Festwochen versteht sich bewußt als Beitrag zur Belebung der Kunst- und Ausstellungsszene Wiens. Er umfaßt eine Reihe von Aktivitäten, die auf Internationalität abzielen. Die zwei großen Ausstellungen und das Open-Air-Projekt Am Hof sind jedoch eingebettet in eine Fülle von Aktivitäten der Wiener Galerien, die erstmals in das Veranstaltungsprogramm der Wiener Festwochen mit einbezogen werden konnten. Damit soll einmal mehr zum Ausdruck gebracht werden, welch wichtige Rolle Wiens Galerien als eigentliche Impulsgeber für den Wiener Kunstbetrieb spielen.
„Wien Fluß. 1986.“ und „De Sculptura“
Um die Idee eines lebendigen Zusammentreffens von Standpunkten der Gegenwartskunst mit unserer Stadt geht es bei der Ausstellung „Wien Fluß. 1986“. In der Wiener Secession und im Theaterbau am Steinhof werden 14 ausländische Künstler ihre Auseinandersetzung mit Wien präsentieren. Die in mehrwöchigen Arbeitsaufenthalten in Wien entstandenen Werke bieten sicher einen „anderen“ Blick auf diese Stadt, der vielleicht auch uns ein „neues“ Wien zeigt. Harald Szeemanns Skulpturen-Ausstellung im Messepalast beabsichtigt ein anderes, direkteres Zusammentreffen: Hier soll es nicht zuletzt darum gehen, daß junge Österreicher am Ort und vor Ort konfrontiert werden mit internationalen Künstlern von Beuys bis Twombly, von Nauman bis Merz. Wien war bisher für die Ausstellungen des international renommierten Harald Szeemann -ob „Junggesellenmaschine“, „Hang zum Gesamtkunstwerk“ oder „Monte Veritä“- stets Zwischen- oder Endstation. 1986 soll es anders sein: „De Sculptura“ ist für Wien gemacht, und wir haben Grund zur Annahme, daß diese Ausstellung nicht allein in Wien zu sehen sein wird. Bisher sind bereits Rotterdam und Düsseldorf an einer Übernahme interessiert.
Mozart heute
Mit dem intimen „Theater an der Wien“ steht den Wiener Festwochen ein Festspielhaus zur Verfügung, das wie kein zweites eng mit Wolfgang Amadeus Mozart verbunden ist. Mit einem Zyklus von Mozart-Opern - wollen wir heuer vorführen, wie man sich anderswo mit Mozart auseinandersetzt— ohne internationale Gesangsstars im Mittelpunkt, dafür aber mit dem analytischen Blick aufs Humane und Wesentliche. Als eines der Zentren moderner Mozart Rezeption gilt die Nationaloper in Brüssel, in der so interessante Regie-Persönlichkeiten wie Luc Bondy und Karl-Ernst Herrmann einen neuen Mozart-Stil kreierten. Zwei Produktionen aus dieser faszinieren den Mozart-Werkstatt werden wir beiden Wiener Festwochen vorstellen. Luc Bondys Inszenierung von „Cosi fan tutte“ gilt bereits als Maßstab, Karl-Ernst Herrmanns Inszenierung von „La finta giardiniera“ hatte soeben erst Premiere und kommt taufrisch ins Theater an der Wien. An der Komischen Oper Berlin inszenierte der konsequente Opernregisseur Harry Kupfer gerade seine dritte Mozart Oper. Auch sie hatte erst Ende März Premiere. Besonders erfreulich in diesem Zusammenhang die Tatsache, daß Kupfer diese neue „Zauberflöte“ bereits im Hinblick auf unser Theater an der Wien eingerichtet und zugeschnitten hat. England hat seine eigene Mozart-Tradition. Dort wird ein erfrischender Mozart Stil praktiziert, wie er in Mitteleuropa
weitgehend unbekannt ist. Ein Beispiel dafür, was man in England unter „Opernstudio“ versteht, wird die Kent Opera unter Ivan Fischer geben: Der „Figaro“ als Reiseoper mit kleiner Orchesterbesetzung, jungem Ensemble und enormem Musiziergeist. Im Wiener Messepalast kommt ein experimenteller Mozart auf die Bühne: Die junge Hamburger Truppe „Studio Milletre“ hat das Opernfragment „Gans von Kairo" zu einem witzigen Theaterabend genutzt. Auch die mexikanische Frauengruppe Divas A. C., die im Vorjahr mit ihrer „Donna Giovanni“-Interpretation die Gemüter erhitzte, wird für den diesjährigen Mozart-Schwerpunkt in Wien ein neues Mozart-Abenteuer erarbeiten. Mozart Arien aus verschiedenen Werken runden sich zu einem phantastischen Szenarium, das mit Fabelwesen aus der Mythologie bevölkert ist: Im Ronacher werden sie den passenden Rahmen finden. Bei einer so ausführlichen Befassung mit Mozart führt kein Weg an „Amadeus“ vorbei: Eine Filmretrospektive im „Metro Kino“ in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Filmmuseum wird die Vielfalt von Mozart-Interpretationen im Film zusammenfassen und darüber hinaus dem Mythos Oper im Kino gewidmet sein.
„Lear“ und „Oedipus“ im Theater an der Wien
Parallel zu den interessanten Opern Inszenierungen zum Thema Mozart stehen zwei andere Gastspiele im Theater an der Wien. Auch sie setzen sich mit alten Stoffen neu auseinander, nähern sich ihnen mit schöpferischem Wirklichkeitssinn. Die Komische Oper Berlin bringt gemeinsam
mit ihrer „Zauberflöte“ und als bewußten Kontrast dazu die „Lear“-Vertonung von Aribert Reimann (Regie: Harry Kupfer). Und das Thalia Theater Hamburg zeigt die Jürgen-Gosch-Inszenierung des „Oedipus“ von Sophokles, ein Theaterereignis, das nicht zuletzt seiner Kargheit wegen zum Interessantesten und Faszinierendsten der heurigen Saison zählt.
Im Messepalast: Triumph der Schaubühne
Die Eroberung des Messepalastes als Kulturzentrum, die bei den vergangenen Festwochen erfolgreich begann, wird heuer vehement fortgeführt. Vier Spielstätten und verschiedene Ausstellungen sollten den Messepalast wieder zu einem Treffpunkt des interessierten Publikums machen. Zum Auftakt bringen wir die Berliner Schaubühne mit ihrem gefeierten „Triumph der Liebe“ von Marivaux in der Inszenierung Luc Bondys. Karl-Ernst Herrmanns „Wunderwerk an Bühnenbild“ ist auf keiner herkömmlichen Bühne herzuzeigen. In der Reithalle des Messepalastes wird es das erste Mal sein, daß man diese von den deutschen Kritikern zur „schönsten Inszenierung des Jahres“ gekürte Aufführung außerhalb Berlins sehen kann. Die Festwochen wollten damit nicht nur eine Ergänzung zu den Mozart-Inszenierungen der beiden Theatermacher Bondy
und Herrmann liefern, sondern erstmals die Arbeiten dieser für die heutige Theaterszene so wichtigen Künstler in Wien präsentieren.
Grenzüberschreitungen
An diesen „Triumph des Theaters“ schließt sich im Messepalast eine Reihe von Gastspielen und Eigenproduktionen an. Ein Teil davon soll weitere Querverbindungen zwischen dem Festwochen-Schwerpunkt „Zeitgenössische bildende Kunst“ und dem Theater herstellen: Performance-Projekte realisiert die Gruppe „La Zattera di Babele“ der beiden italienischen Künstler Carlo Quartucci und Carla Tatö. In ihren aufwendigen Produktionen „Funerale“, „Comedie Italienne“ und „Nach Themiscyra“ werden einige jener bildenden Künstler mitwirken, deren Arbeiten in der Ausstellung „Wien Fluß“ zu sehen sind. „Malstunde“-ein Gastspiel des Rotta Theaters in Zürich - von der Österreicherin Brigitte Schwaiger basiert auf Gesprächen mit dem österreichischen Künstler Arnulf Rainer. „Mörder, Hoffnung der Frauen“, Oskar Kokoschkas frühes Skandal-Stück, wird von einem in New York beheimateten Team neu erarbeitet. Peter Ily Huemer inszeniert diese Festwochen-Eigenproduktion, die in Zusammenarbeit mit der Hochschule für angewandte Kunst erstellt wird. Die Livemusik stammt von Arto Lindsay, dessen Konzert beim „Töne und
Gegentöne“ - Festival im Herbst 1985 einen sensationellen Erfolg hatte.
Frauen
Dem Theater über Frauen, dem Theater von Frauen gilt wie bereits 1985 - auch heuer wieder ein kleiner Festwochen-Schwerpunkt. „Hime“-so der Titel des neuen Stücks der Japanerin Carlotta Ikeda- heißt auf Japanisch „noble, würdige Frau“. Im Stil des japanischen Buto-Theaters zeigen sieben Frauen Grenzüberschreitungen zwischen Performance und Tanz. In Herbert Achternbuschs „Mein Herbert“, einer Festwochen-Eigenproduktion, zeichnet Gertrud Roll ein Mutter-Portrait. Friederike Roths „Liebe und Wald“ (ein Gastspiel des Theaters am Neumarkt, Zürich) bringt- ähnlich wie im Vorjahr Lore Brunners Alleingang „Jacke wie Hose“ -eine ironische One-Women- Show mit Nikola Weisse. Satirisch ist auch die Festwochen-Eigenproduktion „Damen-Wahl“ nach Aristophanes’ „Weibervolksversammlung“. In Cecile Cordons Inszenierung will Praxagoras, eine kluge Frau aus der Antike (Marianne Mendt), nicht länger zuschauen, wie die Männer die Welt zugrunde richten.
Kraus und Lorca: zum 50. Todestag
Um Karl Kraus zu würdigen, bedarf es keiner Gedenktage. Trotzdem wollen wir den 50. Todestag des Satirikers nicht vorübergehen lassen, ohne ihm unsere Reverenz zu erweisen. Axel Corti als „Optimist“ und Karl Paryla als „Nörgler“ lesen aus „Die letzten Tage der Menschheit“, Franz Morak präsentiert „Die 3. Walpurgisnacht“, das letzte Werk von Karl Kraus, eine bittere Abrechnung mit Hitler und dessen Machtgehilfen. Eine Festwochen-Ausstellung zu „Leben und Werk von Karl Kraus“ liefert anschauliches Material und bildet den Rahmen für diese Lesungen. Vor 50 Jahren wurde der spanische Dramatiker Federico Garcia Lorca ermordet. Im Künstlerhaus kommt als Eigenproduktion der Festwochen seine „Bluthochzeit“ zur Aufführung. Der spanische Regisseur Ramön Pareja, ein Schüler Giorgio Strehlers, wird das Stück mit österreichischen Schauspielern und spanischen Flamenco-Künstlern realisieren.
Zwei Stücke zur jüngeren Zeitgeschichte
Die Aktualität und Brisanz der Auseinandersetzung mit dem Thema Holocaust von seiten jüdischer Autoren und Filmemacher ist im letzten Jahr, seit „Ghetto“ im Theater und „Shoah“ im Kino Premiere hatten, besonders deutlich geworden. Ich halte diese ebenso betroffen machende wie geschichtlich notwendige Form der Aufarbeitung und Vergangenheitsbewältigung für eines der wesentlichen Themen des laufenden Theaterjahres, dem sich auch die Festwochen stellen wollen. „Falsch“, das Dramen-Fragment von Rene Kalisky, das kürzlich in Bonn zur europäischen Erstaufführung gelangte, erzählt die tragische Geschichte einer jüdischen Familie. Es bildet- als Gastspiel im Theater an der Wien - gemeinsam mit der österreichischen Erstaufführung von Joshua Sobols „Weiningers Nacht“, einer Eigenproduktion der Festwochen im Künstlerhaus-Theater, einen überaus aktuellen Beitrag zum Wissen-Gewissen dieser Zeit.
Endlich: Das Serapionstheater
Direkt an der Donau findet die vielleicht wichtigste Eigenproduktion der Festwochen in diesem Frühsommer statt. Zum ersten Mal wird Erwin Piplits mit seinem „Serapionstheater“ ein Stück im Auftrag der Festwochen inszenieren. „Anima“ schildert die assoziationsreiche Geschichte
des Donauweibchens, die Erwin Piplits in seiner wunderbaren Bildersprache erzählt. Ablauf, Spielort und Handlungsind ohne Vergleich. Das Publikum wird an der Reichsbrücke in ein Schiff steigen und auf dem Wasserweg zum Spielort (gegenüber der Lobau) gebracht werden. Nach der
Vorstellung geht es auf gleichem Wege wieder zurück. Ein Theaterabend, für den man sich Zeit nehmen sollte.
„Narrnkastl“ in der Spanischen Reitschule
Justus Neumann zeigt seine Produktion „Sigmund (B)“ ebenfalls an einem Spielort, an dem noch nie vorher Theater gespielt wurde. In der Spanischen Reitschule folgt Neumann, der bei den vergangenen Festwochen mit seiner Nestroy Collage einen großen Erfolg verbuchen konnte, mit seinem neuen Unternehmen den Spuren eines seltsamen Entdeckers, Widersprüchlers und Ketzers: Seine „Widerreden“ sind Collagen berühmter Reden von Platon bis Karl Kraus.
Fest-Wochen im Ronacher
Nach zwanzig Jahren Dornröschenschlaf und eben erst vor der Spitzhacke errettet, öffnet das Ronacher wieder seine Pforten. Zwar nur provisorisch, für ein Zwischenspiel, ehe es renoviert wird, aber deshalb nicht weniger spektakulär. Hans Gratzer, der mit ebenso viel Liebe wie Engagement an diesem Haus hängt, inszeniert hier die Operette „Cagliostro in Wien“ von Johann Strauß und will sich und uns damit beweisen, welch ungeahnte Qualitäten in diesem selten gespielten Werk stecken. Zwei weitere Festwochen-Produktionen mit nicht nur stilistisch unterschiedlichen Akzenten sollen die Möglichkeiten des Ronachers weiter ausloten. Die schon erwähnte Compagnie Divas A. C. Mexico zeigt ihr neues Mozart-Experiment. Und die Lindsay Kemp Company bringt ihre legendäre „Flowers“-Produktion erstmals nach Wien.
Microtheater-Festival im Schauspielhaus
Ein Microtheater-Festival im Schauspielhaus präsentiert non-verbales Theater und faszinierende Bilder des Eigensinns. Neun ausländische Theatergruppen wollen diese spezielle Form der Kleinkunst erstmals bei uns vorstellen. Aufzuzählen gäbe es - vom Musikfest bis zum Festwochen-Symposium „Heimat Mitteleuropa“ - noch eine ganze Menge, wie Sie beim näheren Ansehen dieses Katalogs entdecken werden. Fürs erste hoffe ich, Ihr Interesse und Ihre Neugierde geweckt zu haben. Die Wiener Festwochen freuen sich auf Ihren Besuch.
Programm
Theater
-
Bilder des Eigensinns
Theater das Schauspielhaus -
Damen-Wahl: Ekklisiasuses
Cecile Cordon Theater Messepalast Halle D, Messepalast Halle E -
FALSCH
Peter Eschberg Theater Theater an der Wien -
Flowers
Lindsay Kemp Theater Ronacher -
Liebe und Wald
Michael Berger; Regine Friedrich Theater Messepalast Halle D -
Malstunde: Ein Stück in einem Interview
Bernd Jeschek Theater Messepalast Halle D -
Mein Herbert
Felix Prader Theater Messepalast Halle D -
Mörder, Hoffnung der Frauen: Ein futuristisches Schauspiel
Peter Ily Huemer Theater Messepalast Halle E -
Oedipus
Jürgen Gosch Theater Theater an der Wien -
Sigmund (B)
Helmut Berger Theater Spanische Reitschule -
Triumph der Liebe
Luc Bondy Theater Messepalast Halle E -
Weiningers Nacht
Karl Welunschek Theater Theater im Künstlerhaus
Musiktheater
-
Attraktion Phoenix
Jesua Rodriguez Musiktheater Ronacher -
Bluthochzeit
Ramón Pareja
Musiktheater Theater im Künstlerhaus -
Casliostro in Wien
Hans Gratzer Musiktheater Ronacher -
Così fan tutte
Luc Bondy
Oper Theater an der Wien -
Die Gans von Kairo
Wolf Eismann; Dieter Kroll Musiktheater Messepalast Halle D -
Die Zauberflöte
Harry Kupfer
Oper Theater an der Wien -
La finta giardiniera
Karl-Ernst Herrmann und Ursel Herrmann
Oper Theater an der Wien -
Le nozze di Figaro
Nicholas Hytner Musiktheater Theater an der Wien -
Lear
Harry Kupfer Musiktheater Theater an der Wien
Musik
Performance
Tanz
Spielorte
- Augustinerkirche
- das Schauspielhaus
- Donau, Dammhaufen
- Galerien in Wien
- Messepalast Halle D
- Messepalast Halle E
- Metro-Kino
- Musikverein Wien
- Palais Palffy
- Rathausplatz
- Ronacher
- Spanische Reitschule
- Theater an der Wien
- Theater im Künstlerhaus