1987
Von der Vielfalt künstlerischer Möglichkeiten
Programm-Überblick von Ursula Pasterk
Inszenierungen von Dieter Dorn, Giorgio Strehler und Hans Neuenfels, internationale Theater-Avantgarde aus Italien, Griechenland, Frankreich und den USA, eine Veranstaltungsserie „Junge Festwochen“ und ein internationales Kindertheater-Festival— das sind nur einige Schwerpunkte aus dem Angebot der heurigen Festwochen, zu deren Besuch ich Sie herzlich einlade. „Manierismus und Postmoderne“ ist ein zentrales Thema des heurigen Programms. Hier spannt sich der Bogen vom Eröffnungsvortrag bis zu einem prunkvollen Musikspektakel in und vor der Karlskirche. Der Künstler Daniel Spoerri hat gemeinsam mit Studenten der Hochschule für angewandte Kunst ein phantastisches Labyrinth, „das Hypnodrom“, in der Wiener Börse installiert. Und im Künstlerhaus präsentieren wir den „Zauber der Medusa“ — die Festwochen-Großausstellung, die — wegen der Kostbarkeit der Leihgaben — wohl ein einmaliges Ereignis darstellt. „Zauber der Medusa“ ist nur in Wien und nur noch bis 12. Juli zu besichtigen. 800 Leihgaben aus 45 bedeutenden Museen der Welt wurden von Ausstellungskommissär Werner Hofmann und Gestalter Luigi Blau zusammengetragen, um die Wege manieristischen Denkens von der Spätrenaissance bis herauf zur Postmoderne zu verfolgen. Sie alle berichten vom „Möglichkeitssinn“, von der Vielfalt künstlerischer Möglichkeiten, aber auch vom Zweifel an der Vollkommenheit, vom menschlichen Drang, feste oder fest geglaubte Maßstäbe in Frage zu stellen. Die Vieldeutigkeit unserer Lebenswirklichkeit, die daraus resultierende Skepsis gegenüber so manchem tradierten Wertesystem steht auch im Mittelpunkt des Festwochen-Symposiums „Kunstbilder-Weltbilder“: In der Debatte zwischen Kunst- und Gesellschaftswissenschaftern soll hier versucht werden, ein paar Spuren zu legen im Labyrinth unserer Gegenwartssituation.
Schwerpunkt Antike
Wie geht es weiter? Was können wir tun? Wo gibt es noch eine Perspektive in diesem Zeitklima des Umbruchs, in diesem Krisenklima der Menschheit? Solche Fragen und solche Stimmungslagen begünstigen im kulturellen Kontext die Rückwendung in die Geschichte, zu den Wurzeln, auch mit der Absicht, Vergessenes und Verschüttetes, noch nicht Verarbeitetes zu Tage zu fördern. Nicht zufällig bringt das Theaterprogramm der Festwochen 1987 deshalb einen großen Schwerpunkt „Antike“. Die Antike, nicht verstanden als toter Stoff, als „Bildungsgut“, sondern als Auseinandersetzung, die dafür gut ist, unser Denken und unsere Phantasie auszubilden, den Bezug zum heutigen Leben zu finden. Gleich der Festwochen-Auftakt im Theater an der Wien, William Shakespeares „Troilus und Cressida“ soll zeigen, wie aufregend zeitgemäß die großen Themen der Antike heute wirken können. Die Aufführung der Münchner Kammerspiele in der meisterhaften Inszenierung Dieter Dorns war eines der herausragenden Theaterereignisse der heurigen Saison. Im Wiener Messepalast formulieren die Österreicher Horst Zankl (Regie) und
Christian Ludwig Attersee (Bühnenbild) ihre Anklage gegen die verrohende, gewalttätige Macht des Krieges: Eine Collage von Lessings „Philotas“, Heiner Müllers „Mauser“ und „Sieben gegen Theben“ von Aischylos. Drei Stücke gegen verlogenes Heldentum, präsentiert an einem Abend. Auch Peter Sellars, 29 Jahre junges und vielbestauntes Regie-Wunderkind des postmodernen amerikanischen Theaters, kommt mit einem Antiken-Projekt erstmals nach Europa. Im Messepalast präsentieren wir seine Version des „Ajax“ von Sophokles. Peter Sellars, von Kritikern als amerikanische Antwort auf Peter Stein und Ariane Mnouchkine bezeichnet, verlegt die griechische Tragödie des „Aias“ aus den letzten Jahren des Trojanischen Krieges in ein Amerika der nahen Zukunft. Auch hier erweist sich die rücksichtslose Behauptung von Macht als Ursprung jedes Krieges. Ebenfalls im Messepalast gastiert die wichtigste Avantgarde-Bühne Griechenlands mit ihren „Bacchen“ von Euripides.
Die Theatergruppe Atis aus Delphi, ein Ensemble junger Schauspieler, zeigt eine tänzerisch-rhythmische, ganz an der Sinnlichkeit dionysischer Kulte orientierte Fassung dieses Stückes, das den Gesellschaftswandel vom Matriarchat zum Patriarchat zum Thema hat.
Neuenfels in Wien
Die „Elektra“ des Euripides mit Elisabeth Trissenaar kommt als Gastspiel der Freien Volksbühne Berlin in den Wiener Messepalast. Regie führt Hans Neuenfels, bei Opernfreunden gleichermaßen berühmt wie berüchtigt wegen seiner anarchischen Phantasie und seines unermüdlichen Gestaltens von Gegen- und Zwischenwelten. Neuenfels, seit einem halben Jahr Intendant der Freien Volksbühne Berlin, wird neben der „Elektra“ aber noch eine andere Arbeit für die Wiener Festwochen vorlegen. Edward Bonds ‚Trauer zu früh“ soll — gleichfalls mit Elisabeth Trissenaar — als Festwochen-Eigenproduktion in Wien Premiere haben. Mit seiner steten Lust am Parodieren, am Entwerfen von Gedankenbildern und am Wachschütteln seines Publikums, indem er ans Äußerste menschlicher Erfahrung und Empfindung geht, will Neuenfels in „Trauer zu früh“ das Schlüsselstück für die Zeit nach Tschernobyl entdeckt haben. Hier wird es tatsächlich wörtlich genommen: Der Mensch frißt den Menschen auf — unsere Gesellschaftsordnung ist kannibalisch und erhält sich, indem sie jeden zum Kannibalen macht, der in ihr überdauern will. Neuenfels stellt „Elektra“ und „Trauer zu früh“ nebeneinander — dazwischen liegt die Zeit von 400 vor Christus bis heute —, weil er meint, „daß unser Empfinden, unser Anspruch an uns selbst, unsere Qual, unsere Freude, unsere Leidenschaft gleichgeblieben sind genauso wie unser Bedürfnis danach“.
Strehlers Theater-Magie
Giorgio Strehler ist neben Dorn und Neuenfels der dritte prominente Regisseur, der bei den heurigen Festwochen gastieren wird. Mit „La grande magia“, Strehlers faszinierender Inszenierung der Komödie von Eduardo De Filippo, kommen die Stars vom Mailänder Piccolo Teatro ins Theater an der Wien. „La grande magia“ - der große Zauber — handelt vom magischen Zirkus der Illusionen, von der tödlichen, gleichwohl lebenserhaltenden Kraft trügerischer Einbildung und süßen Selbstbetrugs. Zwischen wachsender Komik und abgründiger Tragik steigert Strehler sein Spektakel aus Licht- Orgien und Commedia dell’arte - Silhouetten zu einem wahrhaft virtuosen, großen (Theater-)Zauber.
Erstaufführung für Fritz Kortner
Den großen Regisseur Fritz Kortner stellen die Festwochen heuer als Autor vor: Sein Volksstück „Donauwellen“ gelangt im Messepalast zur österreichischen Erstaufführung. Kortner hat mit „Donauwellen“ eine Komödie über Anpassung und Vergessen und damit ein überaus aktuelles Stück österreichischer Nachkriegsgeschichte geschrieben. In der Rolle des kleinen Nazi Alois Duffeck, der sich am Ende des Krieges nach allen Seiten absichert: Karl Merkatz. Regie führt der junge Österreicher Wilhelm Engelhardt.
Tanz und Tanztheater
Drei internationale Gastspiele für Tanzbegeisterte: Zwei davon erstmals in Wien. Aus Frankreich kommt die Compagnie Maguy Marin mit ihrer neuesten Tanztheaterproduktion „Eden“. Maguy Marin, die in ihrer weiblichen Optik Pina Bausch nahesteht, zählt zu den interessantesten
Erscheinungen der neuen europäischen Tanztheaterszene. Auch Kazuo Ohno, der große alte Magier des Butoh, feiert mit „The Dead Sea - Wiener Walzer und Gespenst“ - sein Wien-Debut. Ohno, ein Symbol und eine Legende des Butoh, ein Komödiant von Graden noch mit über 80 Jahren, demonstriert mit seinem Tanz Nähe und Distanz des Japanischen Modern Dance zu Grete Wiesenthal und Mary Wigman und versucht, in faszinierender Weise, Kulturen der westlichen und östlichen Welt zu verbinden. Zu diesen Neuigkeiten kommt eine Wiederbegegnung, die zweifellos jeden Tanz-Interessierten freuen wird. Nach elf Jahren gastiert die Martha Graham Dance Company wieder in Wien. Das wohl legendärste Ballett des Modern Dance, das seit sechzig Jahren immer wieder für neue Maßstäbe sorgt und mittlerweile als klassisch zu bezeichnen ist, wird in Wien eine Reihe seiner berühmtesten Choreographien zeigen.
Peking-Oper und Macunaima
Außereuropäische Akzente setzen wir im Raimund Theater. Hier gastiert eine Truppe der Peking-Oper aus der Volksrepublik China sowie die brasilianische Gruppe Macunaima, eine der schönsten, aufregendsten Entdeckungen der internationalen Theaterszene. Die Geschichte des
brasilianischen Nationalhelden Macunaima hat den Regisseur Autunes Filho zu einem bunten, mitreißenden Theaterspektakel angeregt.
Junge Festwochen
Mit einer musikalischen Trend-Schau im Messepalast und Konzerten im Raimund Theater wollen wir vor allem das jugendliche Publikum ansprechen. Der Jugend ist auch die neue Veranstaltungsserie „Junge Festwochen“ gewidmet. Hier soll nicht nur das Motto „Kultur muß nicht fad sein“, sondern vor allem das generell für alle Veranstaltungen der Festwochen gültige „Festwochen-Ticket“, das Jugend-ErmäBigungen bis zu 40 Prozent verschafft, ein hoffentlich überzeugendes Argument für alle jene sein, die die „Hochkultur“ nach wie vor meiden. Das Angebot bei den „Jungen Festwochen“ reicht von der Konzert-Serie „The Big Beat“ über Theaterereignisse — wie das freche Berliner Musical „Linie 1“
oder die „Hamlet“-Version des Teatro Due aus Parma - bis zur großen Festwochen-Eigenproduktion „Sens“, einer multimedialen Revue von Mathias Rüegg und seinem Vienna Art Orchestra. „Linie 1“ ist eine ebenso fulminante wie berührende Darstellung der Welt der Jugendlichen in Berlin. Der „Hamlet“ aus Parma gehört für die „Süddeutsche Zeitung“ zum „Witzigsten und Erregendsten, das man heute im Theater erleben kann“. Und mit „Sens“, einem Auftragswerk der Wiener Festwochen, versucht sich Mathias Rüegg erstmals an einem Gesamtkunstwerk, das die Musik unter Einbeziehung von Tanz, Raum und Licht visualisiert.
Töne — Frauentöne
Durch Kombination von Musik, Sprache, Bewegung, arrangiert zu einer einfallsreichen Attacke auf unsere eingefahrenen Hör- und Sehgewohnheiten, verblüfft auch Otto M. Zykans „Auszählreim“. Diese Produktion, erfolgreich bereits beim „steirischen herbst“ gezeigt, kommt in einer neuen Bearbeitung ins Theater an der Wien. In der Augustinerkirche präsentieren wir Giovanna Marinis weltliches „Requiem“, das beim Hamburger Frauenfest 1986 seine sensationelle Premiere feierte: Zwei Kulturen - die hohe Kunst europäischer Kirchenmusik und der archaische Gesang sardischer Hirten - in Klang und Gegenklang.
Da Capo für Anima
Unter den zahlreichen weiteren Programmpunkten - erwähnt seien nur das Musikfest der Konzerthausgesellschaft oder die neue Reihe von Festwochen-Matineen - sei noch darauf hingewiesen, daß Erwin Piplits’ Festwochen-Hit „Anima“ wieder an der Donau zu sehen sein wird.
Erstes internationales Kindertheaterfestival
Theater für Kinder zu machen, gehört zum Schwierigsten überhaupt. Trotzdem wollen wir es versuchen. Gruppen aus Holland, Schweden, Italien, der Schweiz, der Bundesrepublik Deutschland und Österreich zeigen einen Querschnitt aus dem breiten Spektrum dieses Genres. So unterschiedlich die Arbeitsweisen und die Entstehungsgeschichten dieser Gruppen sind, haben sie doch eines gemeinsam: ein hohes Maß an Experimentierfreudigkeit und einen Qualitätsanspruch, der die althergebrachten, oft obsoleten Grenzen zwischen Theater für Kinder und Theater für Erwachsene aufhebt. Den Kindern wünsche ich, daß ihnen hier das ermöglicht wird, was wir uns alle erhoffen bei und von Festwochen; Theater erleben zu können als Ort der Phantasie, als Ort der reflektierten Wirklichkeit, als Ort der Freude. In diesem Sinne: Herzlich willkommen bei den Festwochen 1987!
Programm
Theater
-
1. Internationales Kindertheaterfestival
Kinder- und Jugendtheater Theater im Künstlerhaus -
Ajax
Peter Sellars Theater Messepalast Halle E -
Der Senkrechtstarter
Gerhard Jax; Werner Prinz; Otto Tausig Theater verschiedene Spielorte in den Wiener Gemeindebezirken -
Die Bacchen
Theodoros Terzopoulos Theater Messepalast Halle R -
Donauwellen
Wilhelm Engelhardt Theater Messepalast Halle R -
Hamlet
La Compagnia del Collettivo / Teatro Due, Parma
Theater Messepalast Halle E -
La grande magia
Giorgio Strehler Theater Theater an der Wien -
Macunaima
Autunes Filho Theater Raimundtheater -
Marriage Play
Edward Albee Theater Vienna’s English Theatre -
Moisasurs Zauberfluch
Helmut Wiesner Theater Theater Gruppe 80 -
Samy Molcho
Pantomime Raimundtheater -
Sieben gegen Theben; Mauser; Philotas
Horst Zankl Theater Messepalast Halle U -
Trauer zu früh
Hans Neuenfels Theater Messepalast Halle U -
Troilus und Cressida
Dieter Dorn
Theater Theater an der Wien
Musiktheater
-
Auszählreim
Otto M. Zykan Musiktheater Theater an der Wien -
Das ist der Mond über Soho
Meret Barz Musiktheater Bela’s Broadway Bar -
Eine Reise in die Fantasie ...
Musiktheater Raimundtheater -
Linie 1
Wolfgang Kolneder Musiktheater Messepalast Halle E -
Manieristisches Spektakel
Sergio Vartolo Musiktheater Karlsplatz -
Sens
Mathias Rüegg Musiktheater Messepalast Halle E
Musik
Tanz
Bildende Kunst
-
Das Hypnodrom oder Der Kampf zwischen Liebe und Traum im bizarren Bazar
Ausstellung Börse -
Die Wiener Szene – die Wiener Festwochen: Fotos von Didi Sattmann
Ausstellung Messepalast Halle E -
Galerien Samstag
Ausstellung Galerien in Wien -
Zauber der Medusa
Ausstellung, Festwochen-Ausstellung Künstlerhaus
Spielorte
- Bela’s Broadway Bar
- Börse
- Galerien in Wien
- Karlsplatz
- Künstlerhaus
- Kunstverein Wien
- Messepalast Halle E
- Messepalast Halle R
- Messepalast Halle U
- Musikverein Wien
- Österreichisches Filmmuseum
- Praterstadion
- Raimundtheater
- Rathausplatz
- Theater an der Wien
- Theater im Künstlerhaus
- Theater Gruppe 80
- verschiedene Spielorte in den Wiener Gemeindebezirken
- Vienna’s English Theatre
- Wiener Konzerthaus