1988

Festivaldatum:
7. Mai – 12. Juni 1988
Generalsekretärin:
Reg.-Rat Hildegarde Waißenberger
Präsidentin:
Amtsführende Stadträtin für Kultur Dr. Ursula Pasterk
Eröffnung Wiener Festwochen 1988 © Wiener Festwochen
Eröffnung Wiener Festwochen 1988 © Wiener Festwochen

Programmübersicht

Zum vierten Mal möchte ich Ihnen in einem umfangreichen Katalog das Programm der Wiener Festwochen präsentieren. Damit Sie sich in der
Vielfalt des Angebotes zurechtfinden können und um Ihnen Einblick zu geben, welche Überlegungen für unsere Planung Bedeutung hatten,
möchte ich Sie auf einige Schwerpunkte hinweisen. Es war in den letzten Jahren, oft in kontroversem Zusammenhang, viel davon die Rede, daß Wien die „Kulturhauptstadt Europas“ sei. Auch die Festwochen haben den Begriff „Heimat Mitteleuropa“ in einem Symposium diskutiert. Das vorliegende Programm der Festwochen 1988 löst in einem konkreten, unpathetischen Sinn etwas von dem ein, was ich in meiner Grundsatzerklärung für die Wiener Festwochen als eine zentrale Aufgabe bezeichnet habe: Die Wiener Festwochen müssen, wie sonst keine Festspielstadt Europas, die Begegnung, das Gespräch, die Konfrontation und den Austausch zwischen den westlichen und den östlichen Ländern befördern. Unserem Theaterfest kann man gewiß nicht nachsagen, daß es beliebig oder austauschbar ist: Drei sowjetische Theatergastspiele, zwei Produktionen aus Polen, drei Theateraufführungen aus der DDR, eine Gruppe aus Jugoslawien und ein großes Gastspiel des Budapester Katona Jözsef-Theaters werden einen Einblick in das zeitgenössische Theaterschaffen jener Länder geben.

Ein zweiter Schwerpunkt unseres Programms gilt österreichischer Kunst: Franz Schuberts kaum gespielte Oper „Fierrabras“ in der Inszenierung
von Ruth Berghaus mit Claudio Abbado als musikalischem Leiter steht am Beginn unseres Programms. Die beiden Wiener Komponisten Kurt
Schwertsik und Thomas Pernes präsentieren zwei Musiktheaterproduktionen. Peter Turrinis neues Stück „Die Minderleister“, ein Auftragswerk der Wiener Festwochen, wird gemeinsam mit dem Burgtheater herausgebracht. Die große Ausstellung der Plastiken Alfred Hrdlickas im Messepalast, sie wurde bereits im März eröffnet, ist nach anderen großen Ausstellungen des Künstlers im Ausland ein endlich eingelöster Plan. Eine Retrospektive des Malers Friedrich Kiesler im Museum des 20. Jahrhunderts und ein Skulpturenprojekt junger österreichischer Bildhauer im Volksgarten bilden einen weiteren Beitrag der Wiener Festwochen zum Ausstellungsprogramm dieses Frühjahrs. Eine Großausstellung, die dem Beitrag Mexikos zur Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts gewidmet ist, wird zum ersten Mal eine repräsentative
Auswahl der mexikanischen Malerei dieses Jahrhunderts in Österreich zeigen.

Das Theaterfest

Ruth Berghaus, die langjährige Leiterin des Berliner Ensembles, die sich in den letzten Jahren vor allem durch ihre aufsehenerregenden Operninszenierungen einen Namen unter den Erneuerern des Musiktheaters gemacht hat, wird die Großproduktion der Schubert-Oper „Fierrabras“ inszenieren. Claudio Abbado wird gemeinsam mit dem Chamber Orchestra of Europe und dem Wiener Arnold Schoenberg Chor für die Qualität dieser aufwendigen Opernaufführung bürgen. Dieses Ereignis steht nicht zufällig am Beginn der Wiener Festwochen 1988, es stellt für uns den Idealfall einer festspielwürdigen Produktion dar, mit dem wir dem traditionellen Opernbetrieb eine Absage erteilen.
Peter Stein, trotz seines offiziellen Abschieds von der Leitung der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz wohl noch immer bedeutendster
Regisseur dieses Theaters, hat mit seinem im deutschen Sprachraum unvergleichlichen Schauspielerensemble Anton Tschechows „Drei Schwe-
stern“ erarbeitet, eine Aufführung, die Stein neben dem Jubel über die Perfektion der Inszenierung auch manchen kritischen Kommentar eingetragen hat. Diese Aufführung ist ohne Zweifel ein besonders markanter Fall in der Theatergeschichte der achtziger Jahre, an ihr wurde die Problematik des deutschsprachigen Theaters der Gegenwart wie in einem Brennglas sichtbar. Die Berliner Aufführung steht gewiß in deutlichem Kontrast zur „Drei Schwestern*-Produktion des Budapester Katona Jözsef-Theaters, die wir Ihnen nicht zufällig im gleichen Programm zeigen. Sie steht aber sicher auch in deutlichem Widerspruch zur sowjetischen Praxis, Tschechow zu inszenieren, wie wir sie etwa in jener „Onkel Wanja“-Aufführung aus Wilna erleben können. Anzumerken wäre noch, daß Peter Steins Regiearbeit lange nicht mehr in Wien
zu sehen war und daß es uns gelungen ist, die „Drei Schwestern“ zum ersten Mal außerhalb der Schaubühne — eben bei uns in Wien — zu
zeigen.

Gastspiel des Katona Jözsef-Theaters

Besonders freue ich mich über die drei Produktionen dieses hervorragenden Budapester Theaters: Nicht erst seit dem sensationellen Erfolg im Pariser Odeon im März dieses Jahres zählt diese Bühne durch ihr einmaliges Ensemble und durch die regelmäßige Arbeit dreier am Haus arbeitender Regisseure zu den ersten Bühnen Europas. Es ist uns schwergefallen, aus der großen Anzahl in Frage kommender Aufführungen diejenigen aus zu wählen, die wir in Wien zeigen wollen. Nikolai Gogols „Der Revisor“, Regie: Gabor Zsambeki, Anton Tschechows „Drei Schwestern“, Regie: Tamäs Ascher, und Milan Füsts „Catullus“, Regie: Gabor Szekely, geben einen guten Einblick in die gegenwärtige Arbeit des Theaters und in die unglaubliche Vielfalt von schauspielerischen Begabungen in Ungarn.

Noch mehr Theater des Ostens

Nach dem erfolgreichen Festwochen-Gastspiel des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin (1985) mit dem Antiken-Projekt möchten wir in diesem Jahr ein weiteres Theater aus der DDR vorstellen, das Staatsschauspiel Dresden. Wolfgang Engel, dessen Regiearbeit nicht nur das
Dresdner Theater, sondern auch das Theater der DDR insgesamt entscheidend mitgeprägt hat, ist einer der wichtigsten Schauspielregisseure seines Landes, und er war in den letzten Jahren aber auch mit mehreren Inszenierungen in der BRD erfolgreich. Noch bevor die neuerliche Germanen- bzw. Nibelungenmode durch Deutschland zog, hat er mit dem Dresdner Ensemble Friedrich Hebbels Drama „Die Nibelungen“ für zwei Abende in Szene gesetzt. Diese Aufführung, die sich einer saloppen Kurzinterpretation des Stoffes verweigert, bezieht ihre Vitalität aus dem uneitlen, zeitgenössischen Zugriff auf das Stück, und natürlich aus dem Ensemble hervorragender Schauspieler. Das so
oft als unspielbar erklärte Monumentaldrama erlebt in dieser nicht ganz unpolemischen Aufführung dabei aber eine allseits gültige Dimension: Es entlarvt falsche Moral- und Ehrbegriffe als Ursprung des Untergangs einer patriarchalen, obrigkeitsgläubigen Weltordnung.

Theater aus der Sowjetunion und Polen

Drei Produktionen des jüngsten sowjetischen Theatergeschehens repräsentieren die neuesten Tendenzen in diesem Land: Die letzte Inszenierung von Anatolij Wassiljew, Luigi Pirandellos „Sechs Personen suchen einen Autor“ gilt nicht nur in Moskau als eines der bedeutendsten Theaterereignisse der letzten Zeit. Das Theater der Jugend von Wilna gastiert zum ersten Mal in Westeuropa bei den Wiener Festwochen und zeigt „Onkel Wanja“ von Anton Tschechow in der Inszenierung des jungen Regisseurs Eimuntas Nekrosius, der im Unterschied zu dem bereits legendären Wassiljew noch zu entdecken ist. Das Ensemble des Theaterstudios Süd-West aus Moskau, es setzt sich aus Laien und professionellen Schauspielern zusammen, kann als Beispiel für die Kleintheaterbewegung abseits der offiziellen Theaterpolitik angesehen werden. Es gastiert mit der äußerst theatralischen Aufführung des antistalinistischen Märchens „Der Drache“ von Jewgenij Schwarz. Das kleine Theater KTO aus Krakau in Polen zeigt die tragische Clownparade nach dem Drama von Peter Müller „Die Abschiedsvorstellung“.

Österreichische Theaterproduktionen

George Tabori wird in der Reihe seiner bisherigen Aufführungen bei den Wiener Festwochen die Uraufführung des neuesten Stücks von Thomas Brasch inszenieren. „Frauen— Krieg — Lustspiel“, ein eigenständiger, keiner gängigen Dramaturgie verpflichteter, anspruchsvoller Text gegen den Krieg, wird von Angelica Domröse und Hilmar Thate in den Hauptrollen gespielt, die Musik zum Stück komponiert Mathias Rüegg, Alfred Hralicka und Andreas Szalla gestalten den Bühnenraum. Eine weitere Uraufführung der Wiener Festwochen bringt das Burgtheater im Akademietheater heraus, unser Auftragswerk an Peter Turrini, „Die Minderleister“. Alfred Kirchner ist der Regisseur dieses Stücks, das sich mit der Arbeitslosigkeit der Stahlarbeiter in der Steiermark befaßt. Aus der Szene der Wiener Theater unterstützen wir in diesem Jahr drei Produktionen: Das Beinhardt-Ensemble realisiert sein langgehegtes Projekt, Friedrich Schillers „Räuber“. Das Jura Soyfer Theater bringt Odön von Horvaths Stück „Siadek“, und das Theater Gruppe 80 spielt Eduardo De Filiopos „Innere Stimmen“. Nach der Aufführung von Kurt Schwertsiks Oper „Fanferlieschen Schönefüßchen“, einem Gastspiel der Stuttgarter Oper, wird auch der Junge Wiener Komponist Thomas Pernes mit einer musiktheatralischen Produktion vorgestellt. „Klangtheater“, ein Auftragswerk der Wiener Festwochen, versucht das Verhältnis von Libretto und Komposition umzukehren. Es behauptet die weitgehende Autonomie von Text, Bühne und Inszenierung. Der Versuch eines österreichischen Gesamtkunstwerkes nach den Texten von Friederike Mayröcker, mit den Bühnenplastiken von Tone Fink wird unter der Regie der langjährigen Mitarbeiterin von Klaus Michael Grüber und Bob Wilson, Ellen Hammer, unternommen.

1938-1988

Das Musikfest, das in diesem Jahr gemeinsam mit dem Musikverein veranstaltet wird, stellt „Musik aus dem Exil - Verbotene Musik“ ins Zentrum seines Konzertangebots. Aber auch viele Uraufführungen von zeitgenössischen österreichischen Komponisten werden zu hören sein. Eine große Ausstellung aus Düsseldorf wird sich jenen Komponisten bzw. ihren Werken widmen, die von den Gesetzen der Nationalsozialisten als entartet bezeichnet wurden. Die Ausstellung „Entartete Musik“ im Palais Palffy gibt dem Besucher auch die Gelegenheit, verschiedene Hörprogramme abzurufen. Das Gastspiel des Freiburger Theaters mit Kai Braaks Inszenierung von Thomas Strittmatters erstem Stück „Viehjud Levi“ diese Aufführung wurde bereits mit großem Erfolg beim Berliner Theatertreffen gezeigt - kann einen Beitrag zu unserer Antisemitismusdebatte liefern. Anliegen des Stücks ist keineswegs eine didaktisch-informative Darstellung von Ereignissen aus einer „schweren Zeit“, sondern das Alltagsverhalten, der Alltagsfaschismus in einer kleinen Stadt, Situationen, wie wir sie in unserer jüngsten Vergangenheit nur zu oft erleben mußten. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte und insbesondere mit eigener nationaler Schuld kann gewiß nicht nach mehr oder weniger würdigen Veranstaltungen zu einem Gedenktag als erledigt gelten. Um nicht isoliert-historisch an das Jahr 1938 heranzugehen, sondern auf die Konsequenzen und Folgen für uns heute zu achten, haben wir die beiden jungen Historiker Oliver Rathkolb und Friedrich Stadler beauftragt, in einem wissenschaftlichen Symposium vor allem jene Frage zu diskutieren, wie es aus der Kunstfeindlichkeit der Ersten Republik zur Vertreibung bzw. Ermordung österreichischer Wissenschaftler und Künstler nach 1938 kommen konnte. Und wie sich in der Zweiten Republik bis heute viele Argumentationen zur Ausgrenzung bzw. Behinderung von künstlerischer Arbeit erhalten haben.

Weitere Programmpunkte

Die detaillierten Programme zu unseren Veranstaltungsreihen „Big Beat“, ein unkonventionelles Musikfestival im Messepalast, zum zweiten internationalen Kindertheater-Festival im Künstlerhaus-Theater und zu „Direkt Bewegt“, eine Reihe von Jüngeren Produktionen der internationalen Mime-Szene (ebenfalls im Theater im Künstlerhaus) entnehmen Sie bitte dem vorliegenden Katalog. Bei diesen drei Programmreihen geht es uns nicht zuletzt um das junge und jüngste Publikum unserer Stadt, so wie die Festwochen auch künftig nicht nur der arrivierten und durchgesetzten Kunst gewidmet sein sollen.

Ich wünsche Ihnen, und uns, anregende fünf Wochen im Frühling des Jahres 1988.

Ihre Dr. Ursula Pasterk
Präsidentin der Wiener Festwochen
Amtsführende Stadträtin für Kultur von Wien

Programm

Spielorte

  • Akademietheater
  • Christie‘s
  • Filmmuseum
  • Galerie Hilger
  • Jura Soyfer Theater
  • Kunstraum Wien
  • Messepalast
  • Messepalast Halle B
  • Messepalast Halle E
  • Messepalast Halle G
  • Museum des 20. Jahrhunderts
  • Musikverein Wien
  • Odeon
  • Rathausplatz
  • Sotheby’s
  • Theater an der Wien
  • Theater im Künstlerhaus
  • Theater Gruppe 80
  • Volksgarten