1989

Festivaldatum:
11. Mai – 18. Juni 1989
Chefdramaturg:
Dr. Elmar Zorn
Generalsekretärin:
Reg.-Rat Hildegarde Waißenberger
Präsidentin:
Amtsführende Stadträtin für Kultur Dr. Ursula Pasterk
Eröffnung Wiener Festwochen 1989 © keine Angabe
Eröffnung Wiener Festwochen 1989 © keine Angabe

Programmauswahl Festwochen 1989


Frühling und Festwochen gehen im Wiener Jahr so fest Hand in Hand, daß man sich den einen ohne die anderen nicht mehr vorstellen kann. Wer gegen Ende der Kultursaison die Aufmerksamkeit eines Publikums in Anspruch nehmen will, muß etwas Besonderes bieten, sowohl den mit Kulturangeboten verwöhnten Wienern als auch den mit Festivalveranstaltungen allerorten überhäuften Wien-Besuchern. Ob uns in diesem Jahr das Besondere gelungen ist, wie dies offensichtlich die Jahre vorher der Fall war, hat das Publikum zu beurteilen. Ich wünsche Ihnen und uns, daß auch das heurige Programm genügend Möglichkeiten bietet, Angebote der Phantasie, der reflektierten Wirklichkeit, Anlässe der Freude.

Zwei Ausstellungen zu Sigmund Freud

Im Zentrum der Festwochen ’89 steht Sigmund Freud. Dabei haben wir es uns in diesem Jahr besonders schwer gemacht. Die Beschäftigung
mit ihm, 50 Jahre nach seinem Tod, scheint ja erst einmal eine ziemlich „trockene“ Angelegenheit zu sein. Wie also diese Jahrhundertfigur, die von Wien ausstrahlte und wesentlich das mitgeprägt hat, was wir „die Moderne“ nennen, plastisch werden lassen? Diese Frage stellte sich dem Team der zentralen Ausstellung der Festwochen ’89. Ansatzpunkt ist die Darstellung der wissenschaftlichen und künstlerischen Deutungen der Seele seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Wie es dem Ausstellungsteam Cathrin Pichler, Jean Clair und Wolfgang Pircher zusammen mit dem Architekten Hermann Czech gelungen ist, die Geschichte des Nachdenkens und Phantasierens über die Seele des Menschen spannend aufzurollen — das kann im Messepalast ab 27. April besichtigt werden. „Wunderblock. Eine Geschichte der modernen Seele“ ist ein neues und ungewöhnliches Projekt und so etwas wie ein „intelligentes Produkt“ aus dem Leben dieser Stadt. Bei der Auseinandersetzung mit Freud und den Voraussetzungen seiner psychoanalytischen Lehre und Praxis wollten wir ein breit ausgreifendes, möglicherweise sogar widersprüchliches Panorama seiner Wirkungen und seiner Einflüsse errichten. Wir haben daher zwei österreichische Ausstellungsmacher, den Kunsthistoriker Thomas Zaunschirm und den Galeristen Thaddaeus Ropac, veranlaßt, die Reaktionen und Haltungen führender bildender Künstler unserer Zeit auf bzw. zu Sigmund Freud zusammenzustellen. In vielen Fällen ist es gelungen, internationale und renommierte Künstler zu eigenen Werken für die Ausstellung zu bewegen. Da Zuordnungen in der Kunst fast nie eindeutig ablesbar sind, ja nicht sein sollen, erwarten wir eine spannende, möglicherweise kontroversielle Veranstaltung. Um diese zwei großen Ausstellungen herum sind eine Vielzahl von Veranstaltungen zu dem diesjährigen Hauptthema der Festwochen gruppiert: Theater, zeitgenössische Oper, Symposien, eine Filmretrospektive, Musik- und Tanzperformance. Einige von ihnen sollen skizziert werden.

Die Seele und das Theater der Moderne

Ibsen — Tschechow — Hauptmann — Wedekind — Schnitzler — Schreker — Hölszky/Fassbinder
Diese Entwicklungslinie des modernen Seelendramas zeigen wir bei unseren Gastspielen und Koproduktionen auf. lbsens „Gespenster“ markiert den Aufbruch des Europäischen Theaters ins weite Land der Seele. Die Geschichte der Rückkehr des abgeschobenen Sohnes zur gealterten Mutter in ein großbürgerliches Haus des 19. Jahrhunderts entwickelt sich zur Fallstudie einer seelischen Erkrankung. Die Gespenster der unaufgearbeiteten Vergangenheit und des ungelebten Lebens reißen Sohn und Mutter in grausame, Ödipal besetzte Verstrickungen. Daß dies eminent wichtige Theaterstück in einer exemplarischen, quasi naturalistischen Interpretation zu sehen ist, verdanken wir dem großen Regisseur Thomas Langhoff und dem vorzüglichen Theaterensemble des Deutschen Theaters in Ost-Berlin. Thomas Langhoff ist auch die diesjährige Personale gewidmet. Als weitere Theaterarbeit von ihm zeigen wir (nachdem letztes Jahr zwei gänzlich verschiedene Inszenierungen von Tschechows „Drei Schwestern“ zu vergleichen waren, mit Peter Stein und dem Katona-Jözsef-Theater) sozusagen die Fortsetzung der „Drei Schwestern“: das Theaterstück „Die Übergangsgesellschaft“ von Volker Braun. Diese Inszenierung wurde vor kurzem auch zum begehrten Berliner Theatertreffen eingeladen. Das Tschechowsche Thema des Absterbens der alten Zeit und ihrer Werte ist in die
Situation der DDR von heute übertragen und verschafft einen ungewöhnlich erhellenden gesellschaftskritischen Einblick des Ist-Zustandes im
real existierenden Sozialismus der DDR. Die Festwochen setzen mit diesen beiden DDR - Gastspielen im Rahmen der Langhoff-Personale
ihre bisherigen Präsentationen der Theaterlandschaft desjenigen Landes fort, aus dem seit Jahren einige der wichtigsten Regisseure (und
auch Schauspieler) kommen. Die Langhoff-Personale um das Gastspiel der Münchner Kammerspiele mit Gerhart Hauptmanns „Und Pippa tanzt“ zu ergänzen, wäre aus vielen Gründen reizvoll gewesen. Insbesondere Langhoffs Regieauffassung, dieses frühe Stück von Hauptmann wie ein Treibhaus moderner Gedanken, Motive und Neurosen aufzubereiten, hat uns natürlich gemäß dem Festwochenschwerpunkt besonders fasziniert. Aus spielplantechnischen Gründen kam das Gastspiel jedoch nicht zustande, zumindest nicht für die Mai - und Juni - Periode der Wiener Festwochen. Wir versuchen gegenwärtig, das Gastspiel im Spätherbst dieses Jahres doch noch zu zeigen, in Zusammenarbeit mit dem Burgtheater.

Pirandellos Spiel mit der Identität

Die in der Seelenkunde zentrale Frage nach der eigenen Identität ist von niemandem so abgründig ausgelotet worden wie von Luigi Pirandello. Die Aufführung des Pirandello-Stückes „Wie du mich willst“ durch das Mailänder Piccolo Teatro in der Inszenierung von Giorgio Strehler paßt so gut in unser Gesamtkonzept hinein, als sei sie für die diesjährigen Festwochen produziert worden. Die authentische Geschichte eines Falles von Doppelidentität wird vom Mailänder und immer noch Wiener Theaterstar Andrea Jonasson gespielt. Der irritierende Wechsel von der einen zur anderen Identität der Hauptperson vollzieht sich im Sprachwechsel zwischen deutsch und italienisch. Insofern bedeutet für Strehler diese Inszenierung in zwei Sprachen auch einen Schritt weiter in der Verwirklichung seiner großen Utopie „Europatheater“.

Zadeks neue „Lulu“

Für die Männerphantasien der Intelligenzia des beginnenden 20. Jahrhunderts spielt Frank Wedekinds Erfindung der Kindfrau „Lulu“ eine dominierende und elektrisierende Rolle. Das Weib als zugleich naiv-unschuldiges und durchtrieben-berechnendes Geschöpf, in jedem Fall seelenlos — dieser Lieblingsinterpretation der Lulu erteilt Peter Zadek eine deutliche Abfuhr. Susanne Lothar als Lulu zeichnet in dieser epochalen und umjubelten „Aufführung des Jahres“ („Theater heute 88“) durch das Hamburger Schauspielhaus eine gänzlich unstilisierte, bezüglich ihrer Getriebenheit „normale“ Figur auf ihrem banalen Leidensweg. Diese Lulu kann gar nicht so tief fallen, zwischen Luxuskurtisane und Straßendirne, weil sie sie selber bleibt.

Ein unbekannter Schnitzler

Die feinfühligen, komplizierten Seelengemälde des großen Wiener Arztes, Schriftstellers und Theaterautors Arthur Schnitzler — wie „Der lange Weg“ oder „Das weite Land“ - sind mit Interpretationen wie der von Attila Hörbiger und Paula Wessely in die Theatergeschichte eingegangen. Wir haben in diesem Jahr die Aufführung eines wenig bekannten, aber hochinteressanten Stückes von Schnitzler ins Programm mit aufgenommen: „Der grüne Kakadu“, eine Produktion des Theaters Gruppe 80. In diesem Stück, das in den Tagen des Juli 1789 spielt, kreuzen sich unsere großen Festwochenthemen, das der modernen Seele mit dem anderen Hauptthema, der Hommage an die Französische Revolution.

Extreme menschliche Situationen in zwei modernen Opern

Das zeitgenössische Musiktheater, auf das die Festwochen kontinuierlich die Aufmerksamkeit gelenkt haben — und auch in Zukunft lenken werden -, hat für unsere Programmauswahl zwei aktuelle Aufführungen zu bieten. Beide Produktionen ergänzen unseren „Seele“-Schwerpunkt, beide bestechen durch musikalische Brillanz und außergewöhnliche Qualität der Realisierung auf der Bühne: Franz Schreker, von den Nazis verfolgter österreichischer Komponist, wurde erst in der jüngsten Vergangenheit wieder neu bewertet. Seine Oper „Die Gezeichneten“ zeigen die Festwochen in österreichischer Erstaufführung als Produktion der Deutschen Oper am Rhein. Das auf R. W. Fassbinders gleichnamigem Stück basierende Musikdrama „Die Bremer Freiheit“ der jungen rumänischen Komponistin Adriana Hölszky entstand als Produktion der Stuttgarter Oper für die 1. Münchner Musik-Biennale.

Europadebut von Gerald Thomas

Bei der Suche nach neuen interessanten Regisseuren im internationalen Theaterleben stießen wir auf einen jungen Theaterautor und Regisseur: Gerald Thomas. Er begann vor drei Jahren das brasilianische Theater mit eigenen Stücken auf den Kopf zu stellen, nachdem er in New York Beckett und Heiner Müller inszeniert hatte. Er entwickelte einen eigenen Stil armer Opern mit Tonbandmusik, „Opera Seca“ (Trockenoper), die in starken Bildern und mit anspruchsvollsten philosophischen Texten und Zitaten die Mythologien und Klischees der europäischen Kultur reflektiert. Gerald Thomas verschränkt zwei Figuren in zwei Stücken miteinander: Josef K. („Ein Prozeß“) und Carmen („Carmen mit Filter“). Beide sind sie verstrickt in eine tödliche Maschinerie, beide werden sie verkörpert von der gleichen Schauspielerin, Bete Coelho. Sie in expressiv übersteigerter Stummfilmgestik als Josef K. zu sehen, in dem mausoleumsartigen Bibliothek Bühnenbild von Gerald Thomas’ Frau Daniela Thomas - das sind magische Theateraugenblicke.

3. internationales Kindertheater-Festival

Einen Querschnitt durch das Panorama der gegenwärtigen Kindertheaterproduktionen zu geben, bleibt für uns eine der wichtigsten und auch
schwierigsten Aufgaben unserer Programmgestaltung. Kinder und Heranwachsende sollen Theater als den Ort begreifen, an dem sie fremde
Phantasie erleben und eigene freisetzen können. Es muß dem Theater für Kinder gelingen, den Sinn für Qualität und die Bereitschaft zum Experiment zu schulen. Hierfür will das internationale Kindertheater-Festival im Rahmen der Festwochen Impulse geben.

Frankreichs freie Theaterszene

Für die Freunde französischer Kultur präsentieren wir in drei verschiedenen Sichtweisen französisches bzw. auf Frankreich bezogenes Theater:
Eine Reihe aktueller Inszenierungen aus Frankreich, die gemeinsam mit dem Französischen Kulturinstitut im Studio Moliere veranstaltet wird,
betrifft das Sprechtheater. In den vollen Genuß dieser Theaterabende kommen allerdings nur diejenigen, welche die Sprache gut beherrschen.
Ganz anders die Reihe im Theater im Künstlerhaus, die von den Festwochen ausgesucht wurde - sehr sorgfältig auf Festivalveranstaltungen wie Avignon. Sie hat eher das gestische und musikalische Element als gemeinsames Merkmal und ist nicht im mindesten sprachabhängig. Inhaltlich vollziehen diese Stücke imaginäre Reisen nach und kommen alle aus Frankreichs freier Theaterszene. Zwei Wiener Regisseure setzen sich in Eigenproduktionen mit Frankreich und dem Thema der Französischen Revolution auseinander. Markus Kupferblum, ehemaliger Regieassistent bei Peter Brook, mit einem bizarren Stück über einen Zwerg namens Valentin (in französischer Sprache) und Helga David, die bisher dezidiert Frauenthemen auf die Bühne brachte, mit einer szenischen Collage über den Briefwechsel zwischen Kaiserin Maria Theresia und ihrer Tochter Königin Marie Antoinette, die von den Franzosen „L’Autrichienne“ genannt und gerade unter neuen Aspekten wiederentdeckt wird. Schließlich gibt es in der Szene Wien, als Koproduktion mit den Festwochen, noch Groteskes aus Frankreich zu sehen: Sketches von Pierre Henri Cami, den Peter Stein für die Schaubühne entdeckt hatte, dargeboten von den Stars der Wiener Kabarettszene.

Big Beat - Big Motion

Für ein Pubikum, das lieber Veranstaltungen in einem legeren Rahmen genießt und dabei auf Beat- und Rockmusik setzt, wurde ein eigenes kleines Festival geschaffen. Heuer experimentieren wir mit einer Programmischung von Musik-, Theater-, Performance- und Tanzveranstaltungen unter dem Titel „Big Beat - Big Motion“. Die dabei auftretenden Truppen gehören zu den führenden der jeweiligen Szenen, wie „Sapho“ aus Frankreich, die Tanz-Kompanie „Rosas“ aus Brüssel, „La Fura dels Baus“ aus Barcelona, „Squat“ aus New York und „Der rote Pilot“ aus Ljubljana. 

Eröffnungsrevue und Schluß-Musical im Zeichen von Revolution und Menschenrechten

Immer prominenter und immer wichtiger wird die Eröffnungsveranstaltung auf dem Rathausplatz. In diesem Jahr bereiten wir den mannigfaltigen Beziehungen und Einflüssen zwischen Frankreich und Österreich, zwischen Paris und Wien seit der Französischen Revolution in einer potpourrihaften Revue ein großes Fest. Mit den Menschenrechten (die Deklaration der Menschenrechte war ja eine der Errungenschaften der Französischen Revolution) beginnen die Festwochen, mit den Menschenrechten enden sie: „Sarafina!“, ein von blutjungen Südafrikanerinnen und Südafrikanern hinreißend auf die Bühne gelegtes Protestmusical, schafft es, den ernsten Stoff der Apartheid musikalisch und tänzerisch so rasant aufzubereiten, daß die Botschaft uns „über den Bauch" erreicht. Daß es uns gelungen ist,
dieses Stück als europäische Erstaufführung nach Wien zu holen, freut uns gerade wegen unseres Grundverständnisses, politische und humane Manifeste in einen unterhaltsamen Rahmen zu stellen — und zwar in den denkbar besten.

Maßstab setzende Mozart-Neuinszenierung

Im Mittelpunkt all dieser vielen und schönen Festveranstaltungen steht jedoch — wie könnte es anders sein in dieser opernvernarrten Stadt — die große Opernneuinszenierung! Die Impulse, die von diesen für uns sehr aufwendigen Unternehmungen ausgehen, halten das große verpflichtende Erbe des Musiktheaters von Monteverdi bis Krenek lebendig im Gegensatz zu dem all zu oft erstarrten und verstaubten Repertoirebetrieb der Stadt- und Staatsopern. Starregisseur Karl-Ernst Herrmann (der auch das Bühnenbild entwirft) und Ursel Herrmann stellen sich unter der musikalischen Leitung von Nikolaus Harnoncourt der Herausforderung, nach den wegweisenden Inszenierungen,
die die Festwochen in den letzten Jahren präsentieren konnten (zuletzt Schuberts wiederentdeckte Oper „Fierrabras“), einen neuen Blick auf Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ zu richten. Die bewährte Zusammenarbeit mit der Wiener Staatsoper und der Brüsseler Oper de la Monnaie wird damit fortgesetzt und gleichzeitg ein Mozart-Zyklus eröffnet, der bis zum Mozart-Gedenkjahr 1991 laufen soll. Für 1990 steht „Don Giovanni“ in der Inszenierung von Luc Bondy, unter der musikalischen Leitung von Claudio Abbado, bereits fest. 
Bei solchen Aussichten bleibt mir nur noch, Ihnen anregende und vergnügliche fünf Wochen im Frühjahr 1989 zu wünschen. Die Wiener
Festwochen freuen sich auf Ihren Besuch.

Ihre Dr. Ursula Pasterk
Amtsführende Stadträtin für Kultur und Präsidentin der Wiener Festwochen

Programm

Theater

Spielorte

  • Medienwerkstatt Wien
  • Messepalast
  • Messepalast Halle B
  • Messepalast Halle G
  • Messepalast Halle E
  • Museum des 20. Jahrhunderts
  • Rathausplatz
  • Salon Rouge
  • Stadtkino
  • Studio Molière
  • Theater an der Wien
  • Theater im Künstlerhaus
  • Universität Wien
  • Wiener Konzerthaus