1990

Festivaldatum:
12. Mai – 17. Juni 1990
Generalsekretärin:
Reg.-Rat Hildegarde Waißenberger
Präsidentin:
Amtsführende Stadträtin für Kultur Dr. Ursula Pasterk

Zur Programmauswahl Wiener Festwochen 1990

Gewiß haben Sie den erstmals in elegantes Schwarz gehüllten Hauptkatalog der Wiener Festwochen mit noch mehr Neugierde geöffnet als in den Vorjahren. Wir, d. h. unsere Werbeagentur Demner & Merlicek und das Festwochenteam, wollten heuer mit der Multivisionsästhetik des Covers nicht mehr länger aussagen, daß, wer vieles bringt, manchem etwas bringen wird. Nicht, daß das vielfältige Wiener Ganzjahresangebot an Kultur zur Festwochenzeit eben noch vielfältiger ist, soll diesmal betont werden, sondern daß das von 12. Mai bis 17. Juni Angebotene nur über das besondere Vehikel der Wiener Festwochen in diesem Umfang, in dieser Qualität und in dieser Zusammensetzung stattfinden kann. Was hat sich nicht alles verändert seit den letzten, zu einem gewichtigen Teil der Revolution verpflichteten Wiener Festwochen! Wie verändert sich nach den Ereignissen der letzten Monate etwa die Erinnerung an Thomas Langhoffs Interpretation von Thomas Braschs „Übergangsgesellschaft“ mit dem Ensemble des Deutschen Theaters in Berlin / DDR hin zu einer noch viel unheimlicheren Wahrheit. Was diese Theateraufführung uns im letzten Jahr gezeigt hat, ist nicht weniger bedeutsam als das, was fast jeden Kommentator zur Formel vom „historischen Augenblick“ greifen ließ - was angesichts der Geschwindigkeit, mit der Geschichte sich ereignet hatte, begreiflich ist. Aber Geschichte ereignet sich auch, wenn sie scheinbar stillsteht und nur der Schatten der kommenden Ereignisse wahrzunehmen ist. An diesen Schatten der nun eingetretenen Ereignisse werden sich viele Festwochenbesucher erinnern, an diese unvergleichliche Fähigkeit des Theaters, gesellschaftliche Zustände und damit jene Geschichte zu beschreiben, die dann zur Verdichtung der „historischen Augenblicke“ führt.

Das Festwochenteam ist ein wenig stolz darauf, daß es Ihnen, dem Publikum, schon in den letzten Jahren, vor allem aber 1988, eine Reihe solcher politischer Zustandsbilder anbieten konnte. Selbstverständlich ist der Aufbruch im „Osten“ eines der Hauptthemen der Wiener Festwochen 1990, ist doch Wien nach Berlin die am stärksten von der neuen Situation betroffene „westliche“ Stadt. Das Eröffnungsfest der Festwochen auf dem Rathausplatz wird hervorheben, wie sehr die Stadt Wien die offenen Grenzen begrüßt als Zeichen eines Demokratisierungsschubs und der nun wieder möglichen Begegnung mit unseren nördlichen und östlichen Nachbarn. Wir tun dies im vollen Bewußtsein der entscheidend veränderten Situation Wiens, das nun von der westeuropäischen Peripherie zur europäischen Mittellage sich verschiebt. Und das nun besonders trachten muß, durch diese geopolitische Verschiebung in der Konkurrenz der Städte nicht paradoxerweise scheinbar an den Rand gedrängt zu werden. Es wird vieler Maßnahmen bedürfen, um weiterhin attraktiv zu bleiben, eine noch besuchenswertere Stadt mit noch mehr Lebensqualität für ihre Bewohner zu schaffen. Da Wien als eine der großen alten Hauptstädte im Bereich der Kultur eindeutig über das verfügt, was in der Sprache der Wirtschaft Weltkompetenz heißt, werden wir gerade in diesem Bereich weiter besonders tätig werden müssen. In der durch die Öffnung der Grenzen entstandenen Situation kommt der von den Wiener Festwochen angestrebten und verwirklichten Ausrichtung auf gegenwärtiges und internationales Kulturschaffen entsprechende Bedeutung zu. Was unseren schon im Eröffnungsfest deutlich gemachten Osteuropa-Schwerpunkt betrifft, so wollten wir im Theaterbereich mit Polen bewußt ein Land herausstreichen, das zwar nicht direkt benachbart, aber in einem weltbürgerlichen Sinn uns genauso nahe ist wie etwa die ÖSFR oder Ungarn.

Das Teatr Dramatyczny aus Warschau gastiert mit dem Schauspieler-Drama „Ja, Feuerbach“ mit dem großen Schauspieler Tadeusz Lomnicki, der auch in Becketts „Ostatnia Tasma“ den alten Krapp geben wird. Wenn von gegenwärtiger polnischer Kultur die Rede ist, fällt sofort der Name Andrzej Wajda. Seine mittlerweile vierte Auseinandersetzung mit dem Hamlet-Thema zeigen die Wiener Festwochen als Gastspiel des Stary Teatr Krakau.
Heiner Müller hat in einem Interview anläßlich der Premiere seiner szenischen Konfrontation des „Hamlet“ mit seiner „Hamletmaschine“, mit der das Deutsche Theater in
Berlin/DDR bei den Wiener Festwochen gastiert, davon gesprochen, daß „Hamlet“ in der gegenwärtigen politischen Situation wohl das allerwichtigste Drama sei. Insofern ist der Hamletschwerpunkt mit einer zusätzlichen „westlichen“ Inszenierung von George Tabori eine Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Schwebelage, die - bei allen positiven Vorzeichen - auch eine Krise ist, das heißt eine Zeit der dringend anstehenden Entscheidungen, in der die Handlungsform des scheinbaren Nichthandelns ebenso gilt. Der demokratische Aufbruch im Osten ist die eine gesellschaftliche Herausforderung der Gegenwart als Themenschwerpunkt der Wiener Festwochen 1990. Der andere bezieht sich auf unser Verhältnis zur Natur im Ökologischen Sinn, aber, je nach Veranstaltung, verstanden auch in einem umfassenden, sozusagen philosophischen Sinn. Unsere Form der Naturbeherrschung, die sich nun schon längst gegen die gesamte Menschheit richtet, ist ebenso Thema des Festwochenschwerpunkts wie die ästhetisch vermittelte Erinnerung an jene natürlichen Voraussetzungen menschlicher Existenz, die ihrerseits freilich In einem geschichtslosen Raum angesiedelt ist.
Die Festwochenhauptausstellung zeigt daher Arbeiten von mehr als 40 gegenwärtigen Künstlern unter dem Titel „Von der Natur in der Kunst“. „Vom Umgang mit Natur“ handelt eine zweiteilige Retrospektive, und theoretisch wird die Frage Kunst und Natur in einem einwöchigen Symposion behandelt. Auf dem Maria-Theresien-Platz, mitten in dieser gezähmten und abgezirkelten „Natur“, wird eine Klanglandschaft, eine Übertragung von Geräuschen aus der Hainburger Au von Bill Fontana zu hören sein. Das Natur/Kunst Thema spielt bei diesen Festwochen bis ins Theater hinein: „The Black Rider“ in der Inszenierung von Robert Wilson, eine Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg, wird — wie die andere Musiktheaterkoproduktion, Luc Bondys/Claudio Abbados „Don Giovanni“ im Bühnenbild von Erich Wonder — zweifellos ein vielbeachtetes Ereignis der Wiener Festwochen 1990 sein.

Auch bei den zahlreichen anderen Theatergastspielen haben wir uns an die Leitlinien gehalten, herausragende Leistungen der Interpretationskunst, sowohl von Regisseuren wie von Schauspielern, in Wien bekanntzumachen. So ermöglicht etwa in diesem Jahr das Gesamtgastspiel das Hamburger Thalia Theaters neben der erwähnten Begegnung mit Robert Wilson auch die Kenntnis so unterschiedlicher Regiepersönlichkeiten wie Jürgen Flimm und Katharina Thalbach: vom Intendanten des Thalia Theaters ist Tschechows Frühwerk „Platonow“ zu sehen, eine der gelungensten Inszenierungen des Hamburger Theatermachers, und Katharina Thalbach zeigt ihre Brecht-Inszenierung der antimilitaristischen Parabel „Mann ist Mann“, in der Ausstattung von Ezio Toffolutti. Luc Bondy inszeniert nicht nur Mozarts „Don Giovanni“ im Theater an der Wien, sondern ist auch mit seiner Botho-Strauß-Inszenierung von „Die Zeit und das Zimmer“, entstanden für die Schaubühne Berlin, bei den Festwochen gegenwärtig. Aus Berlin eingeladen wurde auch, nach dem Festwochen-Gastspiel 1987 mit „Linie 1“ nun zum zweiten Mal, das Grips Theater mit seiner für Jugendliche konzipierten Aufklärungsrevue über das Leid der Verfolgten im Dritten Reich: „Ab heute heißt du Sara“, inszeniert von Uwe Jens Jensen und mit der Musik von Hansgeorg Koch. Hinweisen möchte ich in diesem Zusammenhang auch auf das internationale Kinder- und Jugendtheaterfestival.

Dr. Ursula Pasterk
Amtsführende Stadträtin für Kultur und Präsidentin der Wiener Festwochen

Programm

Theater

Spielorte

  • Altes Rathaus
  • Fo-Theater in den Arbeiterbezirken
  • Galerien in Wien
  • Kunsthistorisches Museum Wien
  • Maria-Theresien-Platz
  • Messegelände Halle 1
  • Messepalast Halle B
  • Messepalast Halle G
  • Messepalast Halle E
  • Musikverein Wien
  • Naturhistorisches Museum Wien
  • Rathausplatz
  • Slovenské Národné Divadlo (SND), Bratislava
  • Stadtkino
  • Tabakmuseum
  • Theater an der Wien
  • Theater Der Kreis
  • Theater Gruppe 80
  • Theater im Konzerthaus
  • Theater im Künstlerhaus
  • verschiedene Orte in Wien