1991
Auszug zur Programmauswahl Wiener Festwochen 1991
Vor vierzig Jahren, als zum ersten Mal „Wiener Festwochen” veranstaltet wurden, hatten es sich die Gründer dieser Institution unter anderem auch zum Ziel gesetzt, die Gefahr einer kulturellen Isolation Wiens vor dem „Eisernen Vorhang” abzuwenden. Dieses Ziel haben die „Wiener Festwochen“ erreicht und über vier Jahrzehnte nachhaltig zu behaupten vermocht. Das bedeutet sehr viel - und ist vor allem jetzt, aufgrund der so rasch eingetretenen politischen Veränderung der Lage in Europa, eine sichere Grundlage für die Herausforderung, die eine solche Verschiebung im Kräfteparallelogramm der europäischen Kultur auch für Wien und seine Kultur mit sich bringt.
So ist es gerade heuer, in diesem Jubiläumsjahr, für die Wiener Festwochen eine besondere Aufgabe, verstärkte Impulse auf kulturellem Gebiet setzen zu können und Wien als einen wichtigen Ort der Begegnung zu präsentieren. Gewiß, die Welt ist nicht stillgestanden in diesem Jahr, und die Tragik der Ereignisse gleich zu Beginn von 1991 hat oft Schatten auf unsere Arbeit geworfen. Aber die Wiener Festwochen werden Ihnen als Höhepunkt des Wiener Kulturlebens, wie ich hoffe, auch heuer qualitätvoll Aktuelles, künstlerisch Herausragendes bieten können. Auch heuer spiegeln die in den kulturellen Darbietungen thematisierten Schwerpunkte die wesentlichen Zeitbefindlichkeiten wider, die von den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen der letzten Zeit bestimmt sind.
Diese Auseinandersetzung mit der Gegenwart ist ebenso von jeher Bestandteil der Programmatik bei den Wiener Festwochen wie die kontinuierliche Neubewertung der Tradition. So ist das heurige Festwochenangebot aus Anlaß des 200. Todestages von Wolfgang Amadeus Mozart durch Darbietungen aus dessen Schaffen entscheidend geprägt. Unsere Festwochen-Eröffnung auf dem Rathausplatz wird in vielfältigsten künstlerischen Auseinandersetzungen auf die universale und stets aktuelle Bedeutung Mozarts verweisen. Bei diesem „Fest um Mozart“, bei dem viele Kulturschaffende der Stadt und viele Schauplätze einbezogen werden, interpretieren Künstler wie Helmut Lohner, Wolfgang Schulz, Lucia Popp, Ann Murray, Erich Kleinschuster, Francisco Araiza, Rudolf Buchbinder, Vienna Brass, Heinz Zednik, das ORF-Symphonieorchester unter Horst Stein sowie der Arnold Schoenberg Chor auf unterschiedlichste Weise Mozarts Musik. Die Moderation hat Prof. Marcel Prawy übernommen.
Mozart im Theater an der Wien
Der bei den Festwochen 1989 eröffnete Mozart-Zyklus soll mit Aufführungen der drei großen Opern „Le nozze di Figaro“, „Don Giovanni” und „Die Zauberflöte” im Theater an der Wien seinen Höhepunkt finden. Regisseure und Dirigenten von Weltrang werden durch ihre Beschäftigung mit diesen Werken Mozarts für zeitgemäße Interpretationen sorgen. Der vor allem als Shakespeare-Regisseur bekanntgewordene Brite Jonathan Miller, der 1986 beim Maggio Musicale in Florenz mit seiner vielgelobten „Tosca“ große Erfolge feierte, inszeniert heuer die Hommage Mozarts an die Wiener Kammerjungfern und Zofen, „Le nozze di Figaro“. Diese Oper wird ebenso wie „Don Giovanni” von Claudio Abbado dirigiert, dem die Interpretation Mozarts seit Jahrzehnten ein großes Anliegen ist. Zur Zeit der Uraufführung wurde der Don Juan-Stoff als zu frivol getadelt. Mit der Inszenierung des Schweizers Luc Bondy, den die Festwochen schon 1985 mit seiner Brüsseler Wiederaufnahme von „Cosi fan tutte“ in Wien vorstellten, entschlossen wir uns, ein vom Publikum begeistert aufgenommenes Stück wieder zu spielen. Die 1990 als Koproduktion der Wiener Staatsoper mit den Festwochen aufgeführte Oper fand auch regen Zuspruch bei der Presse. So schrieb die „Basler Zeitung”, daß „alle Details der Aufführung die Sorgfalt belegen, mit der hier Musik und Text behandelt werden”. Die „Süddeutsche Zeitung” bemerkte, daß „Wien also wieder einen faszinierenden ‚Don Giovanni’ habe, der sich im Mozart-
Jahr 1991 sehen und hören lassen kann.” In dem Bühnenbild des Österreichers Erich Wonder, der seit 1985 als Professor für Bühnenbild an der Wiener Akademie der bildenden Künste lehrt, und in der Ausstattung durch die Kostümbildnerin Susanne Raschig wird „Don Giovanni” auch zu einem optischen Ereignis. Den klassischen Höhepunkt in Mozarts Schaffen bietet die Aufführung der „Zauberflöte” in der Inszenierung des Maler-Regisseurs und Bühnenbildners Achim Freyer, die als Gastspiel der Hamburgischen Staatsoper in Wien zu sehen ist.
Mozart im Jugendstiltheater am Steinhof
Das „verrückteste Opernhaus Wiens”, wie sich das 1989 gegründete Ensemble „Jugendstiltheater” am Steinhof unter der künstlerischen Leitung von Olivier Tambosi nennt, stellt als Kontrast seine Interpretation der „Zauberflöte“ vor. Dieses Ensemble hat es sich zum ehrgeizigen Ziel gesetzt, das musikalische und szenische Erscheinungsbild der Oper zu revidieren und manche durch eine 200jährige kritiklose Rezeption entstandenen Klischees zu demontieren. Tambosi hebt den gesellschaftskritischen Aspekt in seiner Interpretation
hervor: „Wir sind .... der Ansicht, daß das in der ‚Zauberflöte‘ angesprochene archetypische Kampfverhalten zwischen Mann und Frau sowohl in persönlichen als auch in gesellschaftlichen Bereichen zu finden ist.” Gleichfalls im Theater am Steinhof werden die
Engländer Tony Britten und Nick Broadhurst ihre Bearbeitung des „Figaro” zeigen, die der Überraschungshit des Jahres im Londoner Westend, dem berühmten Theaterviertel, war. Die mit Witz erzählte Da Ponte/Beaumarchais-Story spielt hier in einem südfranzösischen Landhaus der sechziger Jahre, wohingegen „Don Giovanni”, die zweite Produktion dieses Ensembles im „Jugendstiltheater“, von Britten und Broadhurst in das Yuppie-Milieu der neunziger Jahre versetzt ist. Hier transformieren sie den Stoff, bei dem die sexuelle Freizügigkeit stärker betont wird, zu einer Story vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, die ihre ökonomischen Freiheiten überspannt hat. Dem Rat der englischen Presse, „Beg, borrow or steel a ticket for this superb adaption of an old time classic“, kann man sich nur anschließen.
Neue Heimaten - Neue Fremde
Mit diesem Schwerpunkt nehmen die Wiener Festwochen Bezug auf eines ihrer Vorjahrsthemen, das mit „Offene Grenzen” ein Reflex und
zugleich eine Reflexion der Entwicklung in unseren Nachbarländern war. Um den langen Prozeß der geographischen und sozialen Beheimatung fremder Menschen in Österreich zu beschleunigen und zu erleichtern, müssen Kommunikationsformen der kulturellen Annäherung geschaffen werden. Der Mensch, der sich selbst entfremdet ist, der sich häufig ein Leben lang selber fremd bleibt und danach trachtet, in einer vertrauenerweckenden Umgebung doch eine neue Heimat zu finden: dieser Mensch steht im Zentrum bei der Auswahl der Aufführungen zu diesem Themenschwerpunkt. (...)
Programm
Theater
-
Das trunkene Schiff
Frank Castorf Sprechtheater Messepalast Halle E -
Der jüngste Tag
Günter Krämer Sprechtheater Volkstheater -
Der Palast um vier Uhr morgens ..., A.G.
Jan Fabre Sprechtheater Messepalast Halle G -
Der unsterbliche Österreicher
Sprechtheater Theater im Künstlerhaus -
Die Ahnfrau
Helmut Wiesner Sprechtheater Theater Gruppe 80 -
Die Goldberg-Variationen
George Tabori Theater Akademietheater -
Eeen Familietragedie
Theater Messepalast Halle G -
Falle
Jerzy Grzegorzewski Theater Volkstheater -
Fast forward / Bad air und so ...
Michael Laub Theater Messepalast Halle G -
Invictos
Jan Lauwers Theater Messepalast Halle G -
Kein Ort. Nirgends
Carsten Ludwig Sprechtheater das Schauspielhaus -
La Tempête
Peter Brook Sprechtheater Messepalast Halle E -
Nada. Nichts
Reinhard F. Handl Sprechtheater das Schauspielhaus -
Penthesilea
Wolfgang Engel Sprechtheater Messepalast Halle E -
Skinshow
Eva Brenner Sprechtheater Theater im Künstlerhaus -
Sweet Temptations
Sprechtheater Messepalast Halle G
Musiktheater
-
Die Zauberflöte
Olivier Tambosi
Oper Jugendstiltheater -
Die Zauberflöte
Achim Freyer
Oper Theater an der Wien -
Don Giovanni
Luc Bondy
Musiktheater Theater an der Wien -
Figaro
Musiktheater Jugendstiltheater -
Franz und Frei
Erhard Pauer Musiktheater Fo-Theater in den Arbeiterbezirken -
Körperliche Veränderungen / Der Wald
Brian Michaels Musiktheater Theater im Künstlerhaus -
The Death of Klinghoffer
Peter Sellars Musiktheater Messepalast Halle E
Bildende Kunst
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Bildlicht
Ausstellung Museum des 20. Jahrhunderts -
Jan Fabres Theaterarbeit
Ausstellung Messepalast -
Smashed to pieces (in the still of the night)
Lawrence Weiner
Installation Flakturm, Haus des Meeres -
T.K. (D.T.) Tiefes Kehlchen
Installation U3-Bahntunnel Mariahilferstraße/Schadekgasse -
Zaubertöne – Mozart in Wien. 1781-1791
Ausstellung Künstlerhaus
Film
Spielorte
- Akademietheater
- das Schauspielhaus
- Flakturm, Haus des Meeres
- Fo-Theater in den Arbeiterbezirken
- Jugendstiltheater
- Künstlerhaus
- Medienwerkstatt Wien
- Messepalast
- Messepalast Halle E
- Messepalast Halle G
- Michaelertor, unter der Kuppel
- Museum des 20. Jahrhunderts
- Rathausplatz
- Theater Gruppe 80
- Theater im Künstlerhaus
- U3-Bahntunnel Mariahilferstraße/Schadekgasse
- Volkstheater
- Votivkino
- Wiener Konzerthaus