1999
Es ist nicht einfach, in Kriegs- und Vertreibungszeiten unbeschwert Festwochen anzukündigen, vorzustellen. Das Wort „Fest“ geht schlecht mit den Wörtern Tod, Verwundung, Hunger und Heimatlosigkeit zusammen. Ich glaube aber, daß im Theater ein Moment der Kommunion passiert, das mit der Suche nach Zusammenleben und Versöhnung zu tun hat. So geht es in den „Dämonen“, die Frank Castorf inszeniert, um Fanatismus, Religion und um das Verständnis oder Mißverständnis darüber, was eine gerechte Gesellschaft sein soll. Dostojewski hatte die Desaster von Totalitarismus vorausgesehen. Von „Othello“ über „Maß für Maß“ bis zum „Kaufmann von Venedig“ und vielen anderen Shakespeare-Stücken hat Peter Zadek Theatergeschichte gemacht. Seine Aufführungen jenseits von Historisierung oder flacher Aktualisierung lassen uns immer auch unser Zeitgefühl wiederfinden. So wird man bei diesem „Hamlet“ sicher vieles über Gewalt erfahren, darüber, wie sie entsteht und wie sie über uns herfällt. Und auch über Schuld Aggression, Perversion, Grenzüberschreitungen, die Sarah Kane tragischerweise wirklich gemacht hat, sind die Themen ihrer Stücke. Wir haben ihr von Peter Zadek in deutscher Sprache erstaufgeführtes Stück „Gesäubert“ in den Hamburger Kammerspielen mitproduziert. Der Mensch ist gleichzeitig gut und böse. Die mysteriöse Geschichte von „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ ist eine Parabel über den Widerstreit im Menschen, zwischen Willensfreiheit, inneren und äußeren Zwängen. Der Regiewettbewerbslaureat Jan Bosse bearbeitet Stevensons Novelle für das Theater. Ute Rauwald (ebenfalls Wettbewerbsgewinnerin) wird in „killed by P.“ ihre Version der Kleistschen „Penthesilea“ erzählen, für sie ein Stück, das von Berührung, Scham und Schamgrenzen, Angriffs- und Verteidigungsstrategien erzählt. Der Mensch möchte von seiner Kondition erlöst werden, sich wiederfinden verwandelt in einer verwandelten Welt: Davon handelt Maeterlincks Märchen „Der Blaue Vogel“, das der künftige Direktor der Berliner Schaubühne Thomas Ostermeier inszeniert hat. Daneben zeigen wir zwei seiner Inszenierungen von Stücken zeitgenössischer britischer Autoren, die in der Baracke des Deutschen Theaters entstanden sind. Seit Monaten sehen wir Bilder von Menschen ohne Zuhause, wartend, nicht wissend, wo ihr Ankunftsort, ihr Ziel ist. Ähnlich wie Wladimir und Estragon, die immer wieder auf die nächste Minute, Sequenz hoffen. Sie leben weiter, auch wenn Godot nicht kommt. Auch Lot und seine Töchter dachten, daß sie die letzten auf der Welt seien. Um die Menschheit fortzusetzen, machten sie den Vater betrunken und schliefen mit ihm ... Botho Strauß’ neuestes Stück „Lotphantasie“ werde ich als Theaterlabor mit Studentinnen des Reinhardt-Seminars und dem Schauspieler Hans Diehl uraufführen.
Ich glaube, alle Stücke beinhalten Themen, die erzählen, warum die Menschen es schwer miteinander haben, warum der Krieg immer ihr Schatten ist. Das Theater, das Vorführen selber ist die Anregung, über dieses Dilemma zu reflektieren.
Luc Bondy
Die scharfe Zeichnung einer Gesellschaft von 1874, die unserem heutigen Lebensgefühl überraschend nahe kommt; das surreale Portrait einer Familie, deren vergeblicher Schrei nach Liebe als Rettung aus existentiellen Verstrickungen auch der unsere ist; ein Spiel um die Liebe für ein glückliches Menschenleben, das wir uns alle doch so sehr wünschen, sind die musiktheatralischen Themen des heurigen Festwochenprogrammes. Zum Vergnügen, scheinbar Bekanntes neu zu erleben und gänzlich Neues zu entdecken, möchte ich Sie herzlich einladen.
Klaus-Peter Kehr
Das Theater als Denkmodell repräsentiert wie keine andere Kunstform in sich das gesamte System der Künste. Als Zusammenspiel von unterschiedlichen Zeichensystemen - von Wahrnehmung, Bewegung und Sprache - gewinnt seine Mehrsprachigkeit heute an neuer Aktualität.
Die Wiener Festwochen sind ein Ort des Experiments und der Möglichkeiten, zeitgenössische Inszenierungskonzepte von Körper und Raum und seine Repräsentationsformen immer wieder neu zu hinterfragen. Wir haben Künstlerinnen und Künstler aus diversen Sparten eingeladen, mit ihren Arbeiten die Dimension Theater in seiner Ereignishaftigkeit und Mehrmedialität aufzuzeigen, die den Besucher auffordert, sich durch die verschiedensten Szenarien und Szenerien entführen zu lassen.
Hortensia Völckers
Programm
Theater
-
Dämonen
Frank Castorf Theater Burgtheater -
Der blaue Vogel
Thomas Ostermeier Theater Theater an der Wien -
Dr. Jekyll & Mr. Hyde
Jan Bosse Theater das Schauspielhaus -
En attendant Godot
Luc Bondy Theater Theater an der Wien -
Gesäubert
Peter Zadek Theater Theater in der Josefstadt -
Hamlet
Peter Zadek
Theater Volkstheater -
Insektarium
Emmy Werner Theater Volkstheater -
killed by P.
Ute Rauwald Theater das Schauspielhaus -
Kohelet II
David Maayan
Theater Rosenhügel Studios -
Lotphantasie
Luc Bondy Theater, Theaterlabor Rabenhof Theater -
Messer in Hennen
Thomas Ostermeier Theater Rabenhof Theater -
Shoppen & Ficken
Thomas Ostermeier Theater dietheater Künstlerhaus
Musiktheater
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Bählamms Fest
Nick Broadhurst Musiktheater Sofiensäle -
Curlew River
Yoshi Oida Musiktheater Theater Akzent -
Die Fledermaus
Jürgen Flimm
Musiktheater Theater an der Wien -
Don Giovanni
Musiktheater Theater an der Wien -
König des Glücks
Brian Michaels Musiktheater Sofiensäle
Tanz
-
alie/n a[c]tion
William Forsythe
Tanztheater Theater an der Wien -
appetite
Meg Stuart, Ann Hamilton & Damaged Goods
Tanztheater Sofiensäle -
délire défait
Benoît Lachambre
Tanztheater Sofiensäle -
Jérôme Bel
Jérôme Bel
Tanztheater Sofiensäle -
Self Unfinished
Xavier Le Roy
Tanztheater Sofiensäle -
The last performance
Jérôme Bel
Tanztheater Sofiensäle -
Wahlverwandtschaften
Hortensia Völckers
Tanztheater Sofiensäle
Bildende Kunst
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Music Film Video Photo: Eine Ausstellung der Kunsthalle Wien im Rahmen der Wiener Festwochen
Ausstellung Kunsthalle Wien Museumsquartier -
Painted Steel Cut Sculptures
Ausstellung summer stage -
Subject of Study / rot / grün, grau
Ulrike Grossarth
Ausstellung, Aktionen MAK-Galerie -
summer stage facts
Ausstellung summer stage
Spielorte
- Burgtheater
- das Schauspielhaus
- dietheater Künstlerhaus
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- MAK-Galerie
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- Sofiensäle
- summer stage
- Rosenhügel Studios
- Theater Akzent
- Theater an der Wien
- Theater in der Josefstadt
- Volkstheater
- Wiener Konzerthaus