1999

Festivaldatum:
7. Mai – 20. Juni 1999
Generalsekretär:
Wolfgang Wais
Programmdirektorium:
Luc Bondy, Klaus-Peter Kehr, Hortensia Völckers
Eröffnung Wiener Festwochen 1999 © Mike Ranz
Eröffnung Wiener Festwochen 1999 © Mike Ranz

Es ist nicht einfach, in Kriegs- und Vertreibungszeiten unbeschwert Festwochen anzukündigen, vorzustellen. Das Wort „Fest“ geht schlecht mit den Wörtern Tod, Verwundung, Hunger und Heimatlosigkeit zusammen. Ich glaube aber, daß im Theater ein Moment der Kommunion passiert, das mit der Suche nach Zusammenleben und Versöhnung zu tun hat. So geht es in den „Dämonen“, die Frank Castorf inszeniert, um Fanatismus, Religion und um das Verständnis oder Mißverständnis darüber, was eine gerechte Gesellschaft sein soll. Dostojewski hatte die Desaster von Totalitarismus vorausgesehen. Von „Othello“ über „Maß für Maß“ bis zum „Kaufmann von Venedig“ und vielen anderen Shakespeare-Stücken hat Peter Zadek Theatergeschichte gemacht. Seine Aufführungen jenseits von Historisierung oder flacher Aktualisierung lassen uns immer auch unser Zeitgefühl wiederfinden. So wird man bei diesem „Hamlet“ sicher vieles über Gewalt erfahren, darüber, wie sie entsteht und wie sie über uns herfällt. Und auch über Schuld Aggression, Perversion, Grenzüberschreitungen, die Sarah Kane tragischerweise wirklich gemacht hat, sind die Themen ihrer Stücke. Wir haben ihr von Peter Zadek in deutscher Sprache erstaufgeführtes Stück „Gesäubert“ in den Hamburger Kammerspielen mitproduziert. Der Mensch ist gleichzeitig gut und böse. Die mysteriöse Geschichte von „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ ist eine Parabel über den Widerstreit im Menschen, zwischen Willensfreiheit, inneren und äußeren Zwängen. Der Regiewettbewerbslaureat Jan Bosse bearbeitet Stevensons Novelle für das Theater. Ute Rauwald (ebenfalls Wettbewerbsgewinnerin) wird in „killed by P.“ ihre Version der Kleistschen „Penthesilea“ erzählen, für sie ein Stück, das von Berührung, Scham und Schamgrenzen, Angriffs- und Verteidigungsstrategien erzählt. Der Mensch möchte von seiner Kondition erlöst werden, sich wiederfinden verwandelt in einer verwandelten Welt: Davon handelt Maeterlincks Märchen „Der Blaue Vogel“, das der künftige Direktor der Berliner Schaubühne Thomas Ostermeier inszeniert hat. Daneben zeigen wir zwei seiner Inszenierungen von Stücken zeitgenössischer britischer Autoren, die in der Baracke des Deutschen Theaters entstanden sind. Seit Monaten sehen wir Bilder von Menschen ohne Zuhause, wartend, nicht wissend, wo ihr Ankunftsort, ihr Ziel ist. Ähnlich wie Wladimir und Estragon, die immer wieder auf die nächste Minute, Sequenz hoffen. Sie leben weiter, auch wenn Godot nicht kommt. Auch Lot und seine Töchter dachten, daß sie die letzten auf der Welt seien. Um die Menschheit fortzusetzen, machten sie den Vater betrunken und schliefen mit ihm ... Botho Strauß’ neuestes Stück „Lotphantasie“ werde ich als Theaterlabor mit Studentinnen des Reinhardt-Seminars und dem Schauspieler Hans Diehl uraufführen.
Ich glaube, alle Stücke beinhalten Themen, die erzählen, warum die Menschen es schwer miteinander haben, warum der Krieg immer ihr Schatten ist. Das Theater, das Vorführen selber ist die Anregung, über dieses Dilemma zu reflektieren.
Luc Bondy

Die scharfe Zeichnung einer Gesellschaft von 1874, die unserem heutigen Lebensgefühl überraschend nahe kommt; das surreale Portrait einer Familie, deren vergeblicher Schrei nach Liebe als Rettung aus existentiellen Verstrickungen auch der unsere ist; ein Spiel um die Liebe für ein glückliches Menschenleben, das wir uns alle doch so sehr wünschen, sind die musiktheatralischen Themen des heurigen Festwochenprogrammes. Zum Vergnügen, scheinbar Bekanntes neu zu erleben und gänzlich Neues zu entdecken, möchte ich Sie herzlich einladen.
Klaus-Peter Kehr

Das Theater als Denkmodell repräsentiert wie keine andere Kunstform in sich das gesamte System der Künste. Als Zusammenspiel von unterschiedlichen Zeichensystemen - von Wahrnehmung, Bewegung und Sprache - gewinnt seine Mehrsprachigkeit heute an neuer Aktualität.
Die Wiener Festwochen sind ein Ort des Experiments und der Möglichkeiten, zeitgenössische Inszenierungskonzepte von Körper und Raum und seine Repräsentationsformen immer wieder neu zu hinterfragen. Wir haben Künstlerinnen und Künstler aus diversen Sparten eingeladen, mit ihren Arbeiten die Dimension Theater in seiner Ereignishaftigkeit und Mehrmedialität aufzuzeigen, die den Besucher auffordert, sich durch die verschiedensten Szenarien und Szenerien entführen zu lassen.
Hortensia Völckers

Programm

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