2008

Festivaldatum:
9. Mai – 15. Juni 2008
Geschäftsführung:
Wolfgang Wais, Luc Bondy
Künstlerische Leitung:
Luc Bondy (Intendant), Stefanie Carp (Schauspieldirektorin), Stéphane Lissner (Musikdirektor)
Eröffnung Wiener Festwochen 2008 © Mike Ranz
Eröffnung Wiener Festwochen 2008 © Mike Ranz

Liebes Publikum,

das Musikprogramm der Festwochen widmet sich konsequent und ausschließlich dem zeitgenössischen europäischen Musiktheater. Vier Werke bedeutender zeitgenössischer Komponisten ganz unterschiedlicher ästhetischer Positionen, mit verschiedenen Musiksprachen und Formen werden präsentiert; ein Versuch, das Potenzial heutigen Komponierens darzustellen, und zugleich ein Blick in die Zukunft. Zur Aufführung kommen zwei zentrale Werke der Opernkomponisten Karlheinz Stockhausen und Hans Werner Henze, das erste Opernwerk von George Benjamin und ein Jugendwerk des weltbekannten Komponisten Wolfgang Rihm. Vier große Werke, vier unterschiedliche Textvorlagen: Mythologie bei Henze, die Geschichte von Lenzens Wahn, angelehnt an die Erzählung von Büchner bei Rihm; Benjamin vertont die Sage vom Rattenfänger in einer Adaption des englischen Dramatikers Martin Crimp, Karlheinz Stockhausen kommt in seinem Werk ganz ohne Worte aus, die Handlung spiegelt sich direkt in der Musik wider.

Die Reihe Into the City stellt in ihrer dritten Ausgabe Projekte mit den Themen Strafvollzug, interkultureller Dialog sowie Transformation von Stadträumen vor: Die Linzer Hip-Hop-Band Texta vermittelt in Workshops jugendlichen Strafgefangenen ihre Musik und ihre Texte. Gemeinsam werden sie auf der Bühne stehen – in der Justizanstalt Gerasdorf und beim Fußball-Picknick im Wiener Augarten. Budapester Künstler und Experten vergleichen die beiden „Josefstädte“, die achten Bezirke von Wien und Budapest. Kinder, deren Vater und Mutter aus verschiedenen Ländern kommen, und die hier zwischen zwei Kulturen aufwachsen, fotografieren ihr Zuhause, ihre Eltern. Ihre Suche nach Identität und Heimat ist Thema dieses Projekts. Ein weiterer Schwerpunkt von Into the City öffnet eine Nacht lang die Technische Universität am Karlsplatz für neue Theorien und Klänge an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Kunst und Musik.
Wer werden wir gewesen sein? Das Schauspielprogramm beschäftigt sich mit Projekten für die Zukunft und Erinnerungen an das 20. und 21. Jahrhundert. Aus der Perspektive der Zukunft beobachten wir unsere Gegenwart. Wir erinnern uns an ein jetziges und auch an ein zukünftiges Leben. Aus der Erinnerung lässt sich eine Diagnose für die Zukunft stellen. Über Zukunft kann man spekulieren und die Beobachtungsperspektive der Zukunft schärft den Blick für die eigene Gegenwart und deren Entwicklung. Wir können erkennen, was aus uns geworden ist und geworden sein wird. In der Spannung zwischen Diagnosen und Spekulationen entsteht Theater vielleicht immer. Möglicherweise haben die heute geborenen Menschen mit dem Wahrnehmen und Fühlen der Menschen vor 50 Jahren so wenig zu tun wie zwei unterschiedliche Spezies. Neue Eigenschaften sind entstanden, neue Wahrnehmungen; dementsprechend gibt es neue Theaterformen und neue Bedürfnisse am Theater. Ariane Mnouchkine beobachtet, wie die Menschen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und am Beginn des 21. Jahrhunderts miteinander umgingen, in unzähligen Begebenheiten, die jeweilige Ausschnitte einer größeren Geschichte sind. Luc Bondy fragt sich in seiner Marivaux-Inszenierung, welche Form das Gefühl Liebe angenommen hat im Unterschied zur Gefühlskultur des Rokoko. Ivo van Hove führt uns vor, wie wir zu Teilnehmern an einem Medienspektakel werden, das Demokratie ersetzt, in dem es öffentliche Bilder von Politik, aber keine politische Beteiligung gibt. Christoph Marthaler entwirft Westeuropa als einen unheimlichen Ort, an dem Menschen das Gefühl gegeben wird, privilegiert zu sein, an dem aber ein großer Teil von ihnen abgeschafft werden soll. Alvis Hermanis lässt einen Letten, einen Russen und einen Deutschen ihre wirklichen Väter und damit die früheren Aufbruchsträume in drei ganz unterschiedlichen Gesellschaften entwerfen. Der griechische Regisseur Michael Marmarinos zeigt mit einem Text der klassischen Moderne von Dimitris Dimitriadis, wie das heutige Griechenland zu sich selber steht, welchen Weg es durch Krieg, Besatzung, Bürgerkrieg gegangen ist und wie sich dieses Land als kulturelle Identität aufgelöst haben wird. Neben den literarischen Schauspielinszenierungen zeigt das Programm Projekte unterschiedlichster Formate, die Unterschiedliches aufschürfen, was unser gegenwärtiges und zukünftiges Leben angeht.

Eine neue Künstler-Generation ist an den Fakten und Geschichten des Wirklichen interessiert, an Recherche, Befragung und Realitätsveränderung, an Konkretem, an direktem Material und seiner theatralischen Bearbeitung und Realimaginierung. Die Gruppe Morrinho aus Brasilien baut ein Modell der Favela, in der sie leben. Der Regisseur Paul Grooteboom aus Südafrika untersucht das unerlöste Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen. Der Künstler Rabih Mroué aus Beirut dokumentiert und imaginiert den Albtraum des modernen Bürgerkriegs. Der Theatermacher Caden Manson aus New York fragt nach dem Utopieangebot, das wir uns heute noch leisten können.

Der Argentinier Rodrigo García polemisiert gegen die Reduktion möglicher Lebensentwürfe auf Konsum. forum festwochen stellt sechs europäische Positionen zur Zukunft vor: Tiit Ojasoo befragt unsere demografische Zukunft, das Performance Kollektiv andcompany&Co. beschäftigt sich in Little Red auf retrofuturistische Weise mit dem untergegangenen Zukunftsversprechen des Kommunismus. Der Regisseur Philippe Quesne thematisiert die Geschichte der menschlichen Überforderung angesichts realer und imaginierter Probleme. Welches Potenzial für die persönliche Zukunft zufällige Begegnungen haben können, erfährt der Zuschauer in der Installation von Dries Verhoeven. Jetse Batelaan stellt die Hilfsbedürftigkeit ins Zentrum seiner Arbeit. Massimo Furlan beschäftigt sich mit Erinnerung, in diesem Fall der Erinnerung an das legendäre 3:2 gegen Deutschland in Cordoba. Die Bandbreite der Formen, die diese jungen Theatermacher für ihre Geschichten finden, reicht von virtuosem Schauspielertheater bis zur Installation. Gemeinsam ist ihnen die maximale Aufmerksamkeit für die Welt, die sie umgibt: sei es, dass sie ihre Stoffe im Alltag suchen, sei es, dass sie den Schauplatz des Theaters in die Stadt verlegen. Gemeinsam sind ihnen der Verzicht auf literarische Vorlagen und der spielerische Umgang mit den Konventionen des Theaters.

Ich wünsche Ihnen Festwochen, in denen Sie mit viel Neuem konfrontiert werden und die Sie für die Zukunft anregen.
Herzlich Ihr Luc Bondy

Programm

Theater

Spielorte

  • brut im Konzerthaus
  • brut im Künstlerhaus
  • Gasometer, BA-Halle
  • Halle E im MuseumsQuartier
  • Halle G im MuseumsQuartier
  • Hof1 (Haupthof) im Museumsquartier
  • Jugendstiltheater
  • Musikverein Wien
  • Odeon
  • Österreichisches Filmmuseum
  • Rathausplatz
  • Schauspielhaus
  • Schwarzenbergplatz
  • Theater Akzent
  • Theater an der Wien
  • Technische Universität Wien
  • Votivkino
  • ZOOM Kindermuseum im MuseumsQuartier