2010

Festivaldatum:
14. Mai – 20. Juni 2010
Geschäftsführung:
Wolfgang Wais, Luc Bondy
Künstlerische Leitung:
Luc Bondy (Intendant), Stefanie Carp (Schauspieldirektorin), Stéphane Lissner (Musikdirektor)
Eröffnung Wiener Festwochen 2010 © Mike Ranz
Eröffnung Wiener Festwochen 2010 © Mike Ranz

Liebes Publikum,

Wie jedes Jahr lassen wir Sie aus den Festwochenfängen nicht los. Es kommt der Frühsommer, und es kommen die Festwochen. Vielleicht würden Sie lieber spazieren gehen, weil das Wetter schön ist, und vielleicht werden Sie sagen, dass alles viel zu viel ist und so verschieden. Und in der Tat sind die Festwochen ein großes und im Programm vielfältiges Festival mit Oper, Konzert, Theater, Choreografie, Performance und Installation. Das Thema der diesjährigen Festwochen könnte „Alles anders?“ heißen. Wohlgemerkt eine Frage. Denn es werden wieder Fragen gestellt. Es wird wieder befragt und in Frage gestellt statt bestätigt. Ein neuer Raum des Fragens ist entstanden, ein erweitertes Vorstellungsvermögen, auch alles ganz anders zu denken. Hat es die große Wirtschaftsmalaise verursacht, dass die Menschen nicht alles einfach hinnehmen, wie es ist? Alles anders? Aber wird wirklich nach der Veränderung aller Verhältnisse gefragt oder werden die Frageenergien wieder aufgelöst vom angeblich Faktischen, mit dem die gestern Infragestellenden sich heute wieder identifizieren wollen? Alles anders? Das ist ein Potential, das sich auf vieles beziehen kann. Auf die Politik, die Gesellschaft, die künstlerische Arbeit und das eigene Leben. Die Frage nach dem Anderen stellt sich in der einzelnen künstlerischen Arbeit immer, und auch, auf andere Weise, in der internationalen Arbeit eines Festivals. Im Musiktheater- und Konzertprogramm stellen wir die Frage an den großen österreichischen Komponisten Alban Berg: Alles neu? Er hat mit anderen die Musik verändert. Er war außerdem ein Komponist, der seine Libretti selber schrieb, und er hat nicht umsonst Büchner und Wedekind für seine Opern Wozzeck und Lulu als literarische Vorlagen gewählt.

Die Musik geprägte Reihe Into the City stellt mit Interventionen und Konzerten in den Communities Fragen nach Integration. Am besten reflektierte und praktizierte in den letzten Jahren die Gruppe Rimini Protokoll die individuellen Fragen der Einzelnen nach einem „Anders“. Sie haben eine unterhaltsame und zugleich ernste Form gefunden, die Menschen mit Problemen zu beschäftigen, die die wirklichen Probleme der Darsteller auf der Bühne sind. Sie befragen in einer der Eigenproduktionen der diesjährigen Festwochen 100 Menschen aus Wien. In Factory 2 spiegelt Krystian Lupa die stärkste vergangene Kunstbefragung und Veränderungslust. Die jungen Performer von NO99 aus Estland surfen mit Joseph Beuys im Gepäck durch alle Bühnenavantgarden der Vergangenheit, um das Veränderungspotential zu befragen. Zwölf bildende und darstellende Künstler werden in einzelnen Lecture Performances jeweils die Frage nach dem Verändern stellen. Die Wiener Gruppe God’s Entertainment wird in einer von ihr erfundenen Maschine unnütze Menschen zu guten, nützlichen Österreichern recyceln. Der südafrikanische Künstler Brett Bailey befragt in seiner für Wien erarbeiteten Installation die Europäer nach ihren kolonialen und postkolonialen Verbrechen und die koreanisch-US-amerikanische Künstlerin Young Jean Lee fragt nach verdrängtem Rassismus. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts im vorrevolutionären Russland beschreibt Fjodor Dostojewski zwischen Faszination und Bedrohung die Veränderungsenergien seiner Zeit und befragt ihre Wirkung und Wirklichkeit. Wir freuen uns, zwei Stücke der sprachkritischen Hinterfragerin schlechthin, Elfriede Jelinek, in unserem Programm zu haben.

Ich selber werde mit der Wiener Jahrhundertwende nicht fertig. Sie ist das Werden dieser Stadt. Um an ihr Neues zu entdecken, habe ich eines ihrer klassischen Stücke, Liebelei von Arthur Schnitzler, von dem schottischen Dramatiker David Harrower bearbeiten lassen. Der Schuss, der am Ende des Stückes fällt, ist im Grunde einer der ersten Schüsse des Ersten Weltkriegs. In der Zusammenarbeit mit dem Burgtheater wende ich mich zum ersten Mal einer antiken Tragödie zu, die in der Form kaum noch eine klassisch antike Tragödie ist, weil Euripides ein Erneuerer war und den Schritt in eine Moderne gewagt hat. Sein Helena-Stück fragt nach der wahren Helena und damit nach den wahren Ursachen des großen Trojanischen Krieges, den die Griechen als damalige Supermacht nicht aufhören konnten zu gewinnen. Mit Arbeiten aus dem ehemaligen Jugoslawien befragt im Forum Festwochen eine Generation, die ihre Jugend im Sozialismus verbracht hat, ihre neue postsozialistische Identität.

Wir wünschen Ihnen Festwochen, an denen Sie sich unterhalten, bei denen Sie mitdenken, mitfühlen und viele Fragen stellen.

Luc Bondy

Programm

Theater

Spielorte

  • Am Schöpfwerk
  • Arnold Schönberg Center
  • Augarten Contemporary
  • brut im Künstlerhaus
  • Burgtheater
  • Halle E im MuseumsQuartier
  • Halle G im MuseumsQuartier
  • Kunsthalle Wien, project space karlplatz
  • Looshaus am Michaelerplatz
  • Museum für Völkerkunde
  • Naschmarkt Wien
  • Österreichisches Filmmuseum
  • Rathausplatz
  • Schauspielhaus
  • Theater Akzent
  • Theater an der Wien
  • Urban-Loritz-Platz
  • verschiedene Orte in Wien
  • Wiener Konzerthaus
  • Yppenplatz