2011

Festivaldatum:
13. Mai – 19. Juni 2011
Geschäftsführung:
Wolfgang Wais, Luc Bondy
Künstlerische Leitung:
Luc Bondy (Intendant), Stefanie Carp (Schauspieldirektorin), Stéphane Lissner (Musikdirektor)
Eröffnung Wiener Festwochen 2011 © Mike Ranz
Eröffnung Wiener Festwochen 2011 © Mike Ranz

Liebe Besucher,

wir werden Sie mit Ihrer unermüdlichen Neugier während der Festwochen aus Wien und Europa herausführen. Im Unterschied zum lebensnotwendigen Theateralltag, dessen spannende Hervorbringungen Sie auch genießen werden, können die Festwochen gedanklich und sinnlich weit reisen, Themen ansprechen, die in unserem von Demokratien und Wohlstand geschützten Europa seltener vorkommen und die ganz andere, uns neue Formen des Theaters zeigen. Das löst öfters Polemiken aus mit fraglich besetzten Begriffen wie „Festivalzirkus“ (ich finde Zirkus übrigens etwas Großartiges).

Das Schauspielprogramm bewegt sich in diesem Jahr zwischen Grönland, Mali, Kasachstan und Kolumbien, und kehrt zurück in die uns bekannteren Zentren der Welt. Es erzählt in zweifacher Hinsicht von den Enden der Welt, von neuen Verteilungskämpfen und Überlebensstrategien mit dokumentarischen und fiktiven Arbeiten, die manchmal auch die Bühne oder den Theaterraum verlassen. Auf einem Platz im Stadtteil Ikebukuro in Tokio stellte der Künstler Akira Takayama 300 Passanten jeweils 30 Fragen. Zum Beispiel, ob sie Japan für ein reiches Land halten. Vor den glänzenden Fassaden und Leuchtreklamen kaum sichtbar zelten Obdachlose. Gerade für sie interessiert sich der Künstler, der seine Tokioter Installation für Wien transformieren wird. Zwei weitere Arbeiten aus Japan werden sie flankieren: die neue Produktion von Toshiki Okada (chelfitsch) und ein illusionsloses Castle of Dreams des neuen Stars der Tokioter Szene, Daisuke Miura. Die Künstler des Mapa Teatro aus Bogota haben die befremdend brutalen Rituale eines Straßenkarnevals in einer kleinen Stadt am Pazifik dokumentiert, deren Bewohner in die Wege des Kokainhandels eingebunden und somit der Gewalt der Guerillas, Militärs und mordenden Paramilitärs ausgeliefert sind. Peter Sellars reist nach Mali, um dort die Musik für das von Toni Morrisonn geschriebene the Desdemona project zu finden, das er mit der Sängerin Rokia Traore uraufführen wird. Christoph Marthaler bricht zu einer seltsamen Expedition nach Grönland auf. In seiner spielerisch-melancholischen Weise wird er von dem armen Land unter der Eisdecke berichten. Von den Ölfunden in der Arktis werden die Grönländer nichts bekommen. Die Ölfelder in Kasachstan haben einen neuen Reichtum erzeugt, zu dem viele Russlanddeutsche zurückkehren möchten. Stefan Kaegi inszeniert einen Reisebericht der Menschenwanderungen entlang den Pipelines.

Einsamkeit und Kälte, die Not und manchmal Unmöglichkeit sich mitzuteilen, sind seit ewig und in sehr verschiedenen Ausdrucksarten der Motor von Autoren unserer Hemisphäre, Autoren wie Jon Fosse und Eugene lonesco. Der international renommierte Regisseur Patrice Chereau kehrt nach Wien zurück. Er hat mit Fosse einen der größten Dramatiker seit Ibsen auf seine theatralische Weise neu interpretiert. Ich selbst finde, dass lonesco in gewisser Weise ein vorausahnender, clownesker Dichter der Ausweglosigkeit war. Seine Stühle sind eine Geschichte von Alter und Illusion. Aus dem Norden, aus Finnland kommt Kristian Smeds zu uns mit einem litauischen Vorort-Kirschgarten, den er hier im 11. Bezirk aufführen wird. Der ungarische Regisseur Kornel Mundruczö zeigt uns eine Realfiktion über Menschenhandel und Pornogeschäft in einem LKW. Der merkwürdige Theaterdichter Alvis Hermanis, der jetzt an so vielen großen europäischen Bühnen arbeitet und bei sich zu Hause in Riga eines der besten Ensembles der Welt hat, zeigt seine wunderschöne Arbeit Lettische Liebe zum ersten Mal außerhalb Lettlands. Der Kanadier Robert Lepage hat seine vielleicht poetischste Arbeit wieder aufgenommen: The Far Side of the Moon war noch nie in Wien und wir wollten sie Ihnen nicht vorenthalten. Ein Teil des Schauspielprogramms widmet sich neuen und seltsamen Kreuzungen zwischen Schauspiel und Musiktheater: die Rheingold-Paraphrase des jungen Regisseurs David Marton, Ruedi Häusermanns ressourcenschonende Entdecker-Komposition Gang zum Patentamt und Richard Maxwells Country-Musiktheater Neutral Hero.

In einer Koproduktion mit dem Tanzquartier Wien zeigen wir sechs neue und junge Choreografien und Performances, darunter fünf Uraufführungen, eine davon ein Auftrag der Festwochen an die Wiener Künstlerin Doris Uhlich. Das forum festwochen, hauptsächlich konzentriert auf den project space in Kooperation mit der Kunsthalle Wien, erprobt während der letzten sechs Tage der diesjährigen Festwochen Überlebensstrategien, subversiv und spielerisch angewandt und vorgeführt von Bewohnern anderer Gegenden, die schon immer mit weniger auskommen mussten. Es ist hier nicht der Raum, alle Künstler und Positionen des Schauspielprogramms zu nennen.

Das Musiktheaterprogramm der Wiener Festwochen hat sich bis 2013 einen dreiteiligen Verdi-Zyklus vorgenommen. Er beginnt mit Rigoletto. In meiner Inszenierung möchte ich mit neuen, viel versprechenden Künstlern arbeiten, darunter dem sehr jungen und weltbekannten Dirigenten Omer Meir Wellber. Parallel zur Verdi-Trilogie ist ein zeitgenössischer Zyklus geplant, der 2011 auf dem Karlsplatz beginnt mit der Aufführung der Oresteia des 2001 verstorbenen Komponisten lannis Xenakis. Zum Abschluss der Festwochen zeigen wir Wüstenbuch, das neue Werk des österreichischen Komponisten Beat Furrer in der Basler Inszenierung von Christoph Marthaler.

Into the City befragt die Stadt. Jugendkultur und neue Musik, das Soziotop eines Platzes und die Sicherheit von Lebenssituationen sind die Themen. Das Programm setzt auch dieses Jahr wieder darauf, Künstler dafür zu gewinnen, sich Bereichen und Publikumsschichten zuzuwenden, mit denen sie sonst nicht konfrontiert sind. Als wichtiges Zeichen haben die Wiener Festwochen bei dem österreichischen Komponisten Bernhard Gander ein Stück in Auftrag gegeben, das vom RSO Wien, Rappern und Beatboxern im Donau Zentrum uraufgeführt wird. Wie klingt eine Shopping Mall mit Symphonieorchester, Rappern und Beatboxern? Unser Programm führt also zwischen Grönland und der Wüste immer wieder auf Wien zurück.

Ich wünsche Ihnen zusammen mit Stefanie Carp und Stephane Lissner, unsere Festwochen Frühlingstage vergnügt und gespannt zu überleben.

Luc Bondy

Programm

Spielorte

  • Architekturzentrum Wien
  • brut im Künstlerhaus
  • Burgtheater
  • Donau Zentrum / Arena
  • Halle E im MuseumsQuartier
  • Halle G im MuseumsQuartier
  • Karlsplatz / Resselpark
  • Macondo
  • Parlament Österreich
  • Kunsthalle Wien, project space karlplatz
  • Rathausplatz
  • Remise Erdberg
  • Schauspielhaus
  • Siebenbrunnenplatz
  • Tanzquartier Wien Studios
  • Thyssen-Bornemisza Art Contemporary
  • Theater Akzent
  • Theater an der Wien
  • Volkstheater
  • Wiener Konzerthaus