2013
Liebes Publikum,
meine letzten Festwochen! Ich denke zurück und empfinde mehr Lust an die Erinnerung unserer Veranstaltungen in den letzten 16 Jahren als Wehmut. Vielleicht kommt die später. Die Zeit erstreckt sich, als füllte sie einen sehr langen Frühling, freilich ein Frühling, der länger ist als eine normale Jahreszeit, wenn ich sie als die vielen Projekte, für die ich mich verantwortlich fühle, wahrnehme: Wenn es nicht meine eigenen Inszenierungen waren, fühle ich mich zumindest verantwortlich für die Programmierer oder Programmiererinnen der verschiedenen Veranstaltungen. Ich bin, um solche Abende zu ermöglichen, mit Menschen zusammengetroffen, die diese Ereignisse mit initiierten oder einfach inspirierten. Der größte Reiz war, in einer Stadt mit solch einer starken gedanklichen Vergangenheit – ja vielleicht in einem bestimmten Moment das Zentrum überhaupt der wichtigsten intellektuellen Strömung der modernen Zeit – Geschichte erzählen zu lassen, theatralische Formen dorthin einzuladen oder dort zu beginnen. Ja, da, wo alles war, jetzt in der Fiktion eine andere Fiktion wieder existiert. In der Stadt von Freud, Ernst Mach, Musil, von Doderer, Otto Wagner, Loos, Wittgenstein, Schiele, Klimt. Der Humus der Stadt ist stark. Aber er war der Boden für Grauen auch. All die Mischung ist gut für die Wiener Festwochen deren Absicht es ist, sich in dieser Stadt mit Kunst auseinanderzusetzen.
Zu Beginn wurde ich als Schauspieldirektor geholt, neben Hortensia Völckers für Tanz und Sonderprojekte und Klaus-Peter Kehr für Musik. In dieser Zeit inszenierte ich Figaro lässt sich scheiden mit der Josefstadt und die Möwe in der Akademie. Es war die Fortsetzung meiner Zusammenarbeit mit Gert Voss und gleichzeitig ein Kennenlernen von Wien, ich zog mit meiner Familie für einige Jahre hierher. Hier lernte ich meine Schauspieldramaturgin Veronica Kaup-Hasler kennen. Sie leitet jetzt den steirischen herbst in Graz. Als es in Wien zu Unruhen kam, weil die FPÖ das Land mitregierte, haben wir zusammen Christoph Schlingensief dazu animiert, sein „Containerprojekt“ mitten in der Stadt vor der Staatsoper aufzustellen und Ausländer raus! Bitte liebt Österreich zu inszenieren. Es sollte eine fiktive Siedlung sein, in der man fiktive Aussperrungen erlebte. Es war eine tollkühne Message an Rechtsaußen-Parteien: Wir konnten uns nicht vorstellen, dass diese Politiker ins Parlament einziehen konnten. Das „Rote Wien“ ermöglichte diesen Event, und es wurde ein weltweites Ereignis, so verrückt deplatziert mitten in der Stadt, eine totalitäre, fremdenfeindliche Welt evozierend. Die Wiener haben toll und zum größten Teil zusprechend auf diese Aktion reagiert. Eine Unternehmung, die vielleicht das Pendant dieser Aktion darstellt, ist Schutz vor der Zukunft, eine Arbeit von Christoph Marthaler und Stefanie Carp. Letztere wurde später Schauspieldirektorin der Wiener Festwochen. Schutz vor der Zukunft, auch ein Ereignis, fand im Jugendstiltheater, das Teil des Otto-Wagner-Spitals ist, statt. Es war eine poetische und politische Reflexion in drei Räumen über Euthanasie im Dritten Reich. Der Ort wurde phantastisch verwandelt, und die Zuschauer konnten gleichzeitig ein Raum-Erlebnis durchwandeln, von den Schauspielern geführt.
Hans Landesmann, musikalischer Direktor, brachte als Erster eine szenische Aufführung von Helmut Lachenmanns Das Mädchen mit den Schwefelhölzern und ein dreitägiges Webern Fest. Er erfand auch zusammen mit Tomas Zierhofer-Kin und Markus Hinterhäuser, dem zukünftigen Intendanten der Wiener Festwochen, das Programm der zeit_zone. Es setzt sich der lange Frühling weiter fort: die fünf Inszenierungen von Peter Zadek. Er liebte es, in Wien bei uns zu arbeiten: Hamlet, Gesäubert von Sarah Kane, Peer Gynt, Strindbergs Totentanz, Bash von Neil LaBute gehören zu den wichtigen Theaterhervorbringungen unseres, sagen wir mal, „klassischen Theaterzeitalters“, zu dem ich auch gehöre. Sie wissen ja, was ich hier selber alles veranstaltet habe: von Anatol über König Lear und Marivaux’ La Seconde Surprise de l’amour bis zur Uraufführung von Peter Handkes Die schönen Tage von Aranjuez und in diesem Jahr nun Die Heimkehr von Harold Pinter und Tartuffe …
Da war Marie Zimmermann als Schauspielchefin. Wir vermissen sie. Es war mitten in der Festwochen Zeit, als ich Lear an der Burg probte, als sie sich das Leben nahm. Es war ein riesiger Schock. Marie war eine sehr attachierende Person, eine richtige Intellektuelle. Sie wusste viel, Literatur war ihre Herkunft. Sie brachte mir immer Romane und Aufsätze, im oder gar nicht im Zusammenhang mit den Festwochen-Arbeiten zu lesen. Sie entdeckte für Wien Simon McBurney (The Noise of Time, A Disappearing Number), Ivo van Hove, Jewgenij Grischkowez, den Autor Simon Stephens (Motor town), Chaplin-Enkel James Thiérrée und zeigte Peter Sellars’ Children of Herakles im Parlament. Sie initiierte die Reihe forum festwochen. Nach Hans Landesmanns Abgang brachte ich Stéphane Lissner nach Wien, einen alten Freund von mir. Für die Festwochen koproduzierten wir The Turn of the Screw von Benjamin Britten, Julievon Boesmans, Hercules von Händel (anschließend zeigten wir es in Paris und an der BAM in New York).
In Wien fanden die ersten Aufführungen von Chéreaus Aus einem Totenhaus von Janácek statt (diese Produktion war dann u.a. in New York an der Met, in der Scala und in Berlin zu sehen). Purcells Dido and Aeneas ließ Stéphane Lissner im MuseumsQuartier spielen, dann wanderte auch diese Wiener Produktion um die Welt. Stefanie Carp, die während der letzten Jahre Schauspieldirektorin war, verdanke ich „Aufwind“ und Innovationswillen bei den Festwochen, die Überschreitung von Grenzen zwischen Genres und in viele weitere Länder und Kontinente, hin zu neuen Formaten und Ästhetiken. Wir haben uns viel gestritten! Aber es war doch produktiv, vielleicht deshalb. Sie initiierte einige Marthaler-Aufführungen und schrieb für sie. Sie machte den Regisseur spezifisch, denn seine Aufführungen waren oft bezogen auf die Stadt, zu ihrer dunklen Vergangenheit. Stefanie Carp brachte als Erste Arbeiten des lettischen Regisseurs Alvis Hermanis nach Wien. Viele internationale Künstler hat sie für Wien entdeckt und arbeitete kontinuierlich mit ihnen zusammen: u.a. den Südafrikaner Brett Bailey, den Ungarn Kornél Mundruczó, den Polen Krzysztof Warlikowski, den amerikanischen Elevator Repair Service, den Japaner Toshiki Okada, den Brasilianer Bruno Beltrão, den Franzosen Philippe Quesne und nun auch die Spanierin Angélica Liddell, die unser diesjähriges Schauspielprogramm mit einer Uraufführung eröffnet. Sie brachte Robert Lepage, Romeo Castellucci und Ariane Mnouchkine zurück nach Wien!
Ich will durcheinander alle Meister aufzählen, die hier am Regiepult waren in meiner Wiener Zeit und an die ich mit Stolz denke: Klaus Michael Grüber, Peter Zadek, Frank Castorf, Christoph Marthaler, Patrice Chéreau, Luca Ronconi, Alvis Hermanis, Johan Simons, Peter Stein, Peter Sellars, Simon McBurney, Krystian Lupa, Deborah Warner, William Kentridge...
Ich bin kein wehmütiger Mensch, vor allem keiner, der das Geschehen in seiner Vergangenheit preist. Ich danke Dr. Ursula Pasterk, die die wahnwitzige Idee hatte, mich nach Wien zu holen, danke herzlich Dr. Peter Marboe und auch Dr. Andreas Mailath-Pokorny! Ich danke allen Mitarbeitern der Wiener Festwochen, die werde ich vermissen.
Markus Hinterhäuser wünsche ich viel Glück für die Zukunft! Und ihr, liebes, treues Publikum, vielleicht sehen wir uns noch!
Luc Bondy
Programm
Theater
-
Cineastas
Mariano Pensotti
Schauspiel brut im Künstlerhaus -
Die Kinder von Wien oder HOWEVERSTILLALIVE
Anna Maria Krassnigg
Schauspiel Teil I: Expedithalle / Teil II: Salon5 im Brick-5 -
Gift. Eine Ehegeschichte
Lot Vekemans & Johan Simons
Theater Theater Akzent -
Ich mach die Welt
Arash T. Riahi, Yvonne Zahn
Theater Festsaal BRG/ORG 23, 1230 Wien (Treffpunkt) -
In Agonie
Martin Kušej
Schauspiel Volkstheater -
Julia
Christiane Jatahy, Cia. Vértice de Teatro
Schauspiel brut im Künstlerhaus -
Le Retour
Luc Bondy, Harold Pinter
Schauspiel Halle E im MuseumsQuartier -
Letzte Tage
Christoph Marthaler
Theater, Musik Parlament, Historischer Sitzungssaal -
Mrzim istinu!
Oliver Frljić
Schauspiel brut im Künstlerhaus -
Playing Cards 1: SPADES
Robert Lepage / Ex Machina
Schauspiel Messe Wien, Halle D -
Sul concetto di volto nel Figlio di Dio
Romeo Castellucci, Socìetas Raffaello Sanzio
Theater Burgtheater -
Tartuffe
Luc Bondy, Molière
Schauspiel Akademietheater -
The Table
Blind Summit Theatre
Puppentheater, Performance Schauspielhaus -
The Wild Duck
Simon Stone
Schauspiel Halle G im MuseumsQuartier
Musiktheater
-
Die Ballade von El Muerto
Diego Collatti / Juan Tafur / Hannan Ishay
Musiktheater Hundsturm -
Il Trovatore
Phillip Stölzl, Omer Meir Wellber
Oper Theater an der Wien -
JOIN!
Franz Koglmann / Alfred Zellinger / Carsten Paap / Michael Scheidl
Oper Halle E im MuseumsQuartier -
Written on Skin
George Benjamin, Martin Crimp, Kent Nagano, Katie Mitchell
Oper Theater an der Wien
Musik
Performance
-
Agora I + II
Schorsch Kamerun
Performance GARAGE X, Secession -
All That Is Wrong
Alexander Devriendt
Performance freiraum quartier 21 im MuseumsQuartier -
Although We Fell Short
Tim Etchells
Performance freiraum quartier 21 im MuseumsQuartier -
Audience
Alexander Devriendt / Ontroerend Goed
Performance Schauspielhaus -
Big Hits
Hester Chillingworth
Performance brut im Künstlerhaus -
Die schwarze Botin
Barbara Ehnes
Performance Schauspielhaus -
Discurso de un hombre decente que exporta flores
Heidi Abderhalden, Rolf Abderhalden
Performance Aktsaal der Akademie der bildenden Künste -
England
Tim Crouch
Performance xhibit der Akademie der bildenden Künste -
Erde und Boden
Toshiki Okada / chelfitsch
Performance Halle G im MuseumsQuartier -
Kommune der Wahrheit
Nicolas Stemann
Performance, Schauspiel Halle E im MuseumsQuartier -
Swamp Club
Philippe Quesne, Vivarium Studio
Performance Halle G im MuseumsQuartier -
The Pixelated Revolution
Rabih Mroué
Performance mumok kino -
Todo el cielo sobre la tierra (El síndrome de Wendy)
Angélica Liddell / Cho Young Wuk
Performance, Theater, Musik Halle G im MuseumsQuartier -
WWTBD - What Would Thomas Bernhard Do?
Performance Kunsthalle Wien Museumsquartier
Spielorte
- Akademie der bildenden Künste
- Akademietheater
- brut im Künstlerhaus
- Burgtheater
- Expedithalle der ehemaligen Ankerbrotfabrik
- freiraum quartier 21 im MuseumsQuartier
- GARAGE X
- Halle E im MuseumsQuartier
- Halle G im MuseumsQuartier
- Hundsturm
- Karlsplatz
- Kunsthalle Wien Museumsquartier
- Messe Wien, Halle D
- mumok kino
- Parlament, Historischer Sitzungssaal
- Rathausplatz
- Salon5 im Brick-5
- Secession
- Theater an der Wien
- Festsaal BRG/ORG 23, 1230 Wien (Treffpunkt)
- Urban-Loritz-Platz
- Volkstheater
- Wien Museum Karlsplatz
- Wiener Konzerthaus


