2021

Festivaldatum:
14. Mai – 21. November 2021
Geschäftsführung:
Wolfgang Wais, Christophe Slagmuylder
Künstlerische Leitung:
Christophe Slagmuylder
Eröffnung Wiener Festwochen 2021 © Inés Bacher
Eröffnung Wiener Festwochen 2021 © Inés Bacher

UNVORHERSEHBARES ANNEHMEN, PERSPEKTIVEN ERWEITERN

Die Wiener Festwochen werden 70 Jahre alt. Und dies in einer Zeit, in der wir eine sehr unvermittelt aufgetretene Unterbrechung erleben. Eine Pandemie lehrt uns – vielleicht wie nichts anderes zuvor –, dass nichts ewig währt. Unsere Sehnsucht nach Kontinuität wird in Frage gestellt. Dies ist ebenso beängstigend wie es befreiend sein kann und mag neue Herausforderungen mit sich bringen: Können wir das Unvorhersehbare annehmen? Wie akzeptieren wir Transformation und Flexibilität in allem, was wir tun?

Dieses Programmbuch zeigt, wie wir uns die Wiener Festwochen in ihrer Vielfalt im Frühjahr 2021 wünschen. Zusammen mit zahlreichen Künstler*innen und Kolleg*innen aus Wien und der ganzen Welt haben wir intensiv daran gearbeitet. Ziel unserer Bestrebungen war, dem künstlerischen Schaffen in einer Gesellschaft, die neu aufgestellt werden muss, eine zentrale Position zu geben. In diesem Augenblick, da ich dieses Vorwort Mitte März verfasse, weiß ich noch nicht genau, was wir überhaupt mit unserem Publikum werden teilen können. Vielleicht kommt gar nichts zustande, vielleicht wird es nicht so sein wie geplant. Wahrscheinlich besteht die Chance zu beobachten, wie ein fertiges Programm und unser gegenwärtiges Leben aufeinanderprallen. Dabei werden wir die Gelegenheit haben zu erleben, wie sich vor langer Zeit geplante Projekte durch die Realität der letzten Monate verändern können und wie sie uns helfen, diese Realität zu verstehen und neu zu denken. Bei den Wiener Festwochen wird 2021 jede Premiere auch eine Dokumentation des gemeinsamen Erlebens sein.

Die grundlegende Mission der Wiener Festwochen ist von forschender Natur. So widmet sich das Festival vor allem künstlerischen Werken, die neu entstehen. In der Vielfalt der in der diesjährigen Ausgabe vereinten Stimmen und Visionen bilden drei neue Arbeiten den innersten Kern. Sie greifen Teile jenes musikalischen Repertoires auf, das in Wien seine Blüte erlebte. In ihren Inszenierungen von Kompositionen Mozarts, Schönbergs oder Mahlers konfrontieren uns die Künstler*innen mit zentralen Fragestellungen der Gegenwart. Milo Rau hinterfragt die politische Bedeutung künstlerischen Schaffens. Expressive Vielfalt bereitet bei Marlene Monteiro Freitas den Weg für die Emanzipation des Individuums. Philippe Quesne positioniert den Menschen neu innerhalb der Natur, im Kontext eines breiteren Spektrums von Lebensformen. Zum ersten Mal wagen sich diese drei außergewöhnlichen Künstler*innen an das Genre der Oper bzw. des Musiktheaters.

Erneut bildet eine Rede die diskursive Eröffnung der Festwochen. Anna Rispoli untersucht zusammen mit Bewohner*innen Wiens die Relevanz des bedingungslosen Grundeinkommens für alle. Mit Humor und unbändiger Kraft zeigt uns Florentina Holzinger, zentrale Protagonistin der Wiener Tanzszene, bei der traditionellen Eröffnung auf dem Rathausplatz eine spektakuläre Parade disziplinierter Körper und lauter Maschinen.

In diesem vom Bruch geprägten Jahr, in dem eine Gesundheitskrise soziale Klüfte weiter verschärft, präsentiert der britische Theatermacher Alexander Zeldin sein bedeutendes Triptychon The Inequalities. Mit großer Sensibilität seziert sein naturalistisches Theater die Unsicherheit der menschlichen Existenz, um dem hartnäckigen Fortbestehen vielfältiger Formen der Ungleichheit in unserer modernen globalisierten Welt nachzugehen. Die zentrale Positionierung dieser Arbeit soll uns daran erinnern, wie stark unsere Gesellschaft auf Privilegien fußt.

Durch das ganze Programm zieht sich ein konstanter Dialog zwischen Musik und Sprache, stehen doch interdisziplinäre Ansätze und kreative Crossovers im Fokus des Festivals. Wichtige und bereits viel beachtete Künstler*innen präsentieren in Wien ihre neuen Arbeiten neben Nachwuchstalenten, die die Kunst der Zukunft gestalten. Die Kontraste und die Vielfältigkeit der Generationen und Einflüsse machen die Wiener Festwochen zu einem lebendigen, ständig wachsenden Pool künstlerischer Visionen und Ideen. Erstmals stellen wir dieses Jahr MITTEN vor, ein Format, mit dem wir versuchen, den Beziehungen zwischen Kunstschaffenden und Publikum mehr Raum zu geben. Dank verlängertem Aufenthalt und damit stärkerer Einbindung der Künstler*innen liegt hier der Fokus auf gemeinsamen Lernerfahrungen und partizipativen Prozessen.

Die diesjährigen Wiener Festwochen und die hier vorgestellten Arbeiten wurden vor dem Hintergrund konstanter Unberechenbarkeit konzipiert. So manifestiert sich im Festival, bewusst oder unbewusst, jedenfalls aber unvermeidbar, ein Narrativ der Unterbrechung. Vielleicht ist auch jede hier gezeigte Arbeit ein Akt, um zu belegen, wie sehr es die Künste braucht, um Menschen zu einer Gesellschaft zusammenzuschweißen. Eine Geste, um Theater und Bühnen aus dem Tiefschlaf zu wecken, der ihnen aufgezwungen wurde. Ein Akt gegen die Perspektivlosigkeit. Die Bühnen müssen sich (wieder) als visionäre Orte öffnen, müssen (wieder) aktive Vehikel unserer Vorstellungskraft werden. Bühnen beschwören das Unvorhersehbare, das nie Gehörte, das nie Gesehene. Welch furchtbare Leere wurde in ihrer Abwesenheit geschaffen – welche Geringschätzung eines der grundlegenden Elemente für den Wiederaufbau einer solidarischen und nachhaltigen Gesellschaft. Um Unvorhersehbares anzunehmen, um Perspektiven zu erweitern, brauchen wir Künstlerinnen und Künstler.

Herzlich willkommen bei den Wiener Festwochen 2021!
Christophe Slagmuylder und das Team der Wiener Festwochen

Programm

Spielorte

  • Arkadenhof im Rathaus
  • brut nordwest
  • Donaukanal / Franzensbrücke
  • Donaumarina, Wehlistraße 350 (hinter dem Parkhaus)
  • Dschungel Wien, Bühne 3
  • F23
  • Halle E im MuseumsQuartier
  • Halle G im MuseumsQuartier
  • Jugendstiltheater am Steinhof
  • Karl-Marx-Hof, Parkanlage 12.-Februar-Platz
  • Kasino am Schwarzenbergplatz
  • Kunsthalle Wien Museumsquartier
  • Mariahilfer Straße / Ecke Theobaldgasse
  • Museum Nordwestbahnhof
  • Portikus im MuseumsQuartier
  • Rathausplatz
  • Schauspielhaus Wien
  • Secession
  • Theater Akzent
  • Theater an der Wien
  • U3 Johnstraße, Ausgang Wasserwelt
  • U4 Roßauer Lände, Ausgang Seegasse
  • verschiedene geheime Orte in Wien
  • verschiedene Lichtungen in den Wäldern Wiens
  • verschiedene Orte nahe der Donau
  • verschiedene Parks und Gärten in Wien
  • Volkstheater