2021
UNVORHERSEHBARES ANNEHMEN, PERSPEKTIVEN ERWEITERN
Die Wiener Festwochen werden 70 Jahre alt. Und dies in einer Zeit, in der wir eine sehr unvermittelt aufgetretene Unterbrechung erleben. Eine Pandemie lehrt uns – vielleicht wie nichts anderes zuvor –, dass nichts ewig währt. Unsere Sehnsucht nach Kontinuität wird in Frage gestellt. Dies ist ebenso beängstigend wie es befreiend sein kann und mag neue Herausforderungen mit sich bringen: Können wir das Unvorhersehbare annehmen? Wie akzeptieren wir Transformation und Flexibilität in allem, was wir tun?
Dieses Programmbuch zeigt, wie wir uns die Wiener Festwochen in ihrer Vielfalt im Frühjahr 2021 wünschen. Zusammen mit zahlreichen Künstler*innen und Kolleg*innen aus Wien und der ganzen Welt haben wir intensiv daran gearbeitet. Ziel unserer Bestrebungen war, dem künstlerischen Schaffen in einer Gesellschaft, die neu aufgestellt werden muss, eine zentrale Position zu geben. In diesem Augenblick, da ich dieses Vorwort Mitte März verfasse, weiß ich noch nicht genau, was wir überhaupt mit unserem Publikum werden teilen können. Vielleicht kommt gar nichts zustande, vielleicht wird es nicht so sein wie geplant. Wahrscheinlich besteht die Chance zu beobachten, wie ein fertiges Programm und unser gegenwärtiges Leben aufeinanderprallen. Dabei werden wir die Gelegenheit haben zu erleben, wie sich vor langer Zeit geplante Projekte durch die Realität der letzten Monate verändern können und wie sie uns helfen, diese Realität zu verstehen und neu zu denken. Bei den Wiener Festwochen wird 2021 jede Premiere auch eine Dokumentation des gemeinsamen Erlebens sein.
Die grundlegende Mission der Wiener Festwochen ist von forschender Natur. So widmet sich das Festival vor allem künstlerischen Werken, die neu entstehen. In der Vielfalt der in der diesjährigen Ausgabe vereinten Stimmen und Visionen bilden drei neue Arbeiten den innersten Kern. Sie greifen Teile jenes musikalischen Repertoires auf, das in Wien seine Blüte erlebte. In ihren Inszenierungen von Kompositionen Mozarts, Schönbergs oder Mahlers konfrontieren uns die Künstler*innen mit zentralen Fragestellungen der Gegenwart. Milo Rau hinterfragt die politische Bedeutung künstlerischen Schaffens. Expressive Vielfalt bereitet bei Marlene Monteiro Freitas den Weg für die Emanzipation des Individuums. Philippe Quesne positioniert den Menschen neu innerhalb der Natur, im Kontext eines breiteren Spektrums von Lebensformen. Zum ersten Mal wagen sich diese drei außergewöhnlichen Künstler*innen an das Genre der Oper bzw. des Musiktheaters.
Erneut bildet eine Rede die diskursive Eröffnung der Festwochen. Anna Rispoli untersucht zusammen mit Bewohner*innen Wiens die Relevanz des bedingungslosen Grundeinkommens für alle. Mit Humor und unbändiger Kraft zeigt uns Florentina Holzinger, zentrale Protagonistin der Wiener Tanzszene, bei der traditionellen Eröffnung auf dem Rathausplatz eine spektakuläre Parade disziplinierter Körper und lauter Maschinen.
In diesem vom Bruch geprägten Jahr, in dem eine Gesundheitskrise soziale Klüfte weiter verschärft, präsentiert der britische Theatermacher Alexander Zeldin sein bedeutendes Triptychon The Inequalities. Mit großer Sensibilität seziert sein naturalistisches Theater die Unsicherheit der menschlichen Existenz, um dem hartnäckigen Fortbestehen vielfältiger Formen der Ungleichheit in unserer modernen globalisierten Welt nachzugehen. Die zentrale Positionierung dieser Arbeit soll uns daran erinnern, wie stark unsere Gesellschaft auf Privilegien fußt.
Durch das ganze Programm zieht sich ein konstanter Dialog zwischen Musik und Sprache, stehen doch interdisziplinäre Ansätze und kreative Crossovers im Fokus des Festivals. Wichtige und bereits viel beachtete Künstler*innen präsentieren in Wien ihre neuen Arbeiten neben Nachwuchstalenten, die die Kunst der Zukunft gestalten. Die Kontraste und die Vielfältigkeit der Generationen und Einflüsse machen die Wiener Festwochen zu einem lebendigen, ständig wachsenden Pool künstlerischer Visionen und Ideen. Erstmals stellen wir dieses Jahr MITTEN vor, ein Format, mit dem wir versuchen, den Beziehungen zwischen Kunstschaffenden und Publikum mehr Raum zu geben. Dank verlängertem Aufenthalt und damit stärkerer Einbindung der Künstler*innen liegt hier der Fokus auf gemeinsamen Lernerfahrungen und partizipativen Prozessen.
Die diesjährigen Wiener Festwochen und die hier vorgestellten Arbeiten wurden vor dem Hintergrund konstanter Unberechenbarkeit konzipiert. So manifestiert sich im Festival, bewusst oder unbewusst, jedenfalls aber unvermeidbar, ein Narrativ der Unterbrechung. Vielleicht ist auch jede hier gezeigte Arbeit ein Akt, um zu belegen, wie sehr es die Künste braucht, um Menschen zu einer Gesellschaft zusammenzuschweißen. Eine Geste, um Theater und Bühnen aus dem Tiefschlaf zu wecken, der ihnen aufgezwungen wurde. Ein Akt gegen die Perspektivlosigkeit. Die Bühnen müssen sich (wieder) als visionäre Orte öffnen, müssen (wieder) aktive Vehikel unserer Vorstellungskraft werden. Bühnen beschwören das Unvorhersehbare, das nie Gehörte, das nie Gesehene. Welch furchtbare Leere wurde in ihrer Abwesenheit geschaffen – welche Geringschätzung eines der grundlegenden Elemente für den Wiederaufbau einer solidarischen und nachhaltigen Gesellschaft. Um Unvorhersehbares anzunehmen, um Perspektiven zu erweitern, brauchen wir Künstlerinnen und Künstler.
Herzlich willkommen bei den Wiener Festwochen 2021!
Christophe Slagmuylder und das Team der Wiener Festwochen
Programm
Eröffnung
Theater
-
Burt Turrido
Nature Theater of Oklahoma
Theater, Musik Theater Akzent -
Catarina e a beleza de matar fascistas
Tiago Rodrigues / Teatro Nacional D. Maria II
Theater Halle E im MuseumsQuartier -
Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer
René Pollesch
Theater Theater an der Wien -
Eraser Mountain
Toshiki Okada / chelfitsch, Teppei Kaneuji
Theater, Visual Arts Halle G im MuseumsQuartier -
Faith, Hope and Charity
Alexander Zeldin
Theater Halle E im MuseumsQuartier -
Four Days in September (The Missing Comrade)
Wichaya Artamat / For What Theatre
Theater brut nordwest -
Heartbreaking Final
Tim Etchells, Aisha Orazbayeva
Theater, Musik Jugendstiltheater am Steinhof -
Liberté d’Action
Heiner Goebbels, David Bennent, Ensemble Modern
Theater, Musik Halle E im MuseumsQuartier -
Lieder ohne Worte
Thom Luz
Theater, Musik Halle G im MuseumsQuartier -
LOVE
Alexander Zeldin
Theater Jugendstiltheater am Steinhof -
Quasi
Azade Shahmiri
Theater brut nordwest -
Sahibinden kiralık
Melis Tezkan, Okan Urun / biriken, Özen Yula
Theater Schauspielhaus -
The Mother
Elizabeth LeCompte, The Wooster Group, Bertolt Brecht
Theater Halle G im MuseumsQuartier
Musik
-
Danse Macabre
Markus Schinwald, Matthew Chamberlain, PHACE
Musik, Performance F23 -
Das Lied von der Erde
Philippe Quesne, Emilio Pomàrico, Klangforum Wien
Musik, Theater Volkstheater -
Pierrot Lunaire
Marlene Monteiro Freitas, Ingo Metzmacher, Sofia Jernberg, Klangforum Wien
Musik, Performance Halle E im MuseumsQuartier -
Regenorchester XVI
Musik brut nordwest -
Suite n°4
Encyclopédie de la parole, Joris Lacoste, Pierre-Yves Macé, Sébastien Roux, Ictus
Musik, Performance Jugendstiltheater am Steinhof -
Time Diagram for the Nondimensional Listener
Mark Fell und Gäste
Musik Halle G im MuseumsQuartier
Performance
-
...Insgesamt wirkte das alles abgegriffen, zahnlos, man möchte sagen: innovativ...
Maria Muhar, Sara Ostertag
Performance brut nordwest -
Altamira 2042
Gabriela Carneiro Da Cunha
Performance Halle G im MuseumsQuartier -
Arise
Philine Rinnert, Bernhard Fleischmann
Performance brut nordwest -
Der Klang des Festes. Eine Audio-Performance
Curd Duca
Performance brut nordwest -
Echoic Choir
Stine Janvin, Ula Sickle
Performance, Musik F23 -
Hullo, Bu-bye, Koko, Come In
Koleka Putuma
Performance, Spoken Word brut nordwest -
La Trilogie des Contes Immoraux (pour Europe)
Phia Ménard / Compagnie Non Nova
Performance Halle E im MuseumsQuartier -
Letters from Attica
Begüm Erciyas
Performance Karl-Marx-Hof, Parkanlage 12.-Februar-Platz, Mariahilfer Straße / Ecke Theobaldgasse, U3 Johnstraße, Ausgang Wasserwelt, U4 Roßauer Lände, Ausgang Seegasse -
Mitsouko & Mitsuko
Michikazu Matsune
Performance Kasino am Schwarzenbergplatz -
MONUMENT 0.6: HETEROCHRONIE
Eszter Salamon
Performance Halle G im MuseumsQuartier -
Sad Sam Matthäus
Matija Ferlin
Performance, Tanz Jugendstiltheater am Steinhof -
Women Who Kill and Other Categories
Sööt/Zeyringer
Performance brut nordwest
Tanz
Bildende Kunst
-
And if I devoted my life to one of its feathers?
Miguel A. López
Ausstellung Kunsthalle Wien Museumsquartier -
Festzug
Florentina Holzinger feat. Soap&Skin
Visual Arts Rathausplatz, Donaumarina, Wehlistraße 350 (hinter dem Parkhaus), Donaukanal / Franzensbrücke -
Here
Maria Hassabi
Visual Arts, Performance Secession
Diskurs
-
An Experience that Belongs to Nobody
Silvia Bottiroli
Keynote brut nordwest -
Anna Rispoli, Lukas Schlögl und Degrowth Vienna
Diskurs Arkadenhof im Rathaus -
Cosmotechnics for the Future
Mi You
Keynote brut nordwest -
Didier Eribon, Chantal Mouffe, Florian Malzacher
Diskurs Halle G im MuseumsQuartier -
Elizabeth LeCompte und The Wooster Group
Talk Portikus im MuseumsQuartier -
Maria Hassabi und Andrea Lissoni
Talk Secession -
Michikazu Matsune, Miwa Negoro und Freda Fiala
Talk Kasino am Schwarzenbergplatz -
Miguel A. López und Daniela Ortiz
Talk Kunsthalle Wien Museumsquartier -
Philippe Quesne, Emilio Pomàrico und Emanuele Coccia
Talk Volkstheater, Rote Bar -
Warum der unvorhersehbare Raum die Zukunft ist
Thomas Hirschhorn
Keynote brut nordwest -
Whenabouts
Philippe Parreno im Gespräch mit Andrea Lissoni
Keynote brut nordwest
Workshop
-
Audience Guidance, Agency & Bewilderment
Kate McIntosh, Toisissa Tiloissa / Other Spaces
Labor brut nordwest -
Between my Name and Me
Michikazu Matsune
Labor brut nordwest -
Caldo
Laia Fabre, Thomas Kasebacher / notfoundyet, Felix Schellhorn
Labor brut nordwest -
Encounters of Waters
Gabriela Carneiro da Cunha
Labor verschiedene Orte nahe der Donau -
Forest Gatherings
Begüm Erciyas
Labor verschiedene Lichtungen in den Wäldern Wiens -
Garden to Garden
Azade Shahmiri
Labor verschiedene Parks und Gärten in Wien -
Greetings from Vienna
Melis Tezkan, Okan Urun / biriken
Labor Museum Nordwestbahnhof -
In the Field
Workshop, Debatte, Gespräch -
Learning a Space by Heart
Jozef Wouters
Labor verschiedene geheime Orte in Wien -
Lieder fürs Freisein
Workshop Dschungel Wien, Bühne 3 -
Shake the Structures
Workshop brut nordwest -
The University of Rave: What Can We Learn From the Party?
Stine Janvin, Ula Sickle, Persis Bekkering
Labor brut nordwest
Spielorte
- Arkadenhof im Rathaus
- brut nordwest
- Donaukanal / Franzensbrücke
- Donaumarina, Wehlistraße 350 (hinter dem Parkhaus)
- Dschungel Wien, Bühne 3
- F23
- Halle E im MuseumsQuartier
- Halle G im MuseumsQuartier
- Jugendstiltheater am Steinhof
- Karl-Marx-Hof, Parkanlage 12.-Februar-Platz
- Kasino am Schwarzenbergplatz
- Kunsthalle Wien Museumsquartier
- Mariahilfer Straße / Ecke Theobaldgasse
- Museum Nordwestbahnhof
- Portikus im MuseumsQuartier
- Rathausplatz
- Schauspielhaus Wien
- Secession
- Theater Akzent
- Theater an der Wien
- U3 Johnstraße, Ausgang Wasserwelt
- U4 Roßauer Lände, Ausgang Seegasse
- verschiedene geheime Orte in Wien
- verschiedene Lichtungen in den Wäldern Wiens
- verschiedene Orte nahe der Donau
- verschiedene Parks und Gärten in Wien
- Volkstheater


