2023
Der Verlauf eines Lebens
Kunst und Kultur sind wertvoll. Der subtil vielschichtige Raum, den die zeitgenössische Kunst entstehen lässt, ermöglicht viele Entdeckungen. Davon überzeugt zeigen die Wiener Festwochen über einen Zeitraum von fünf Wochen ein reiches und internationales Programm, das 36 künstlerische Arbeiten in Wien vorstellt. Ein vielfältiges Spektrum neuer Theaterproduktionen, musikalischer Kompositionen oder Multimedia - Installationen macht es sich zur Aufgabe, die Stadt und ihre Bewohner:innen mit positiver, progressiver Energie aufzuladen.
Populistische Ideen haben in den letzten Jahren viel Zulauf erhalten. Schablonenhaft werden im öffentlichen Diskurs allzu oft simple und eindeutige Trennlinien gezogen, wenn es um die Wahrnehmung unserer überaus komplexen Welt geht. Die Wiener Festwochen möchten einen für Nuancierungen und Reflexion weit offenen Raum schaffen, in dem Künstler:innen facettenreich unbekanntes Terrain erforschen. Sie bieten das Erlebnis einer Vielzahl konfrontativer und/oder atemberaubend schöner künstlerischer Visionen. Diese befassen sich mit dem ökologischen Notstand unserer Gegenwart, greifen geopolitische Krisen auf, sezieren die Klassengesellschaft … oder erzählen einfach nur den Verlauf eines Menschenlebens. Die Inszenierung eines einzigen Lebenswegs kann weitergehende gesellschaftliche Fragen anregen. Die Lebenslinien realer oder fiktiver Gestalten der Vergangenheit, die Schicksale von Thomas Wiggins (Song of the Shank), Luigi Dallapiccola (Canti di Prigionia), Pinocchio oder Lulu können uns Zugänge liefern, um den gegenwärtigen Zustand der Welt zu erfassen. Eine Neuinszenierung von Alban Bergs Oper Lulu ist einer der Höhepunkte des diesjährigen Festivals. Dieses Projekt entstand als Einladung der Wiener Festwochen an die Choreografin Marlene Monteiro Freitas und ist die erste Opernregie der Künstlerin – ein echtes Abenteuer! In ihren Arbeiten behalten Einfallsreichtum und ungezügelte Körperlichkeit stets die Oberhand und bieten sich als Ausweg aus sozialer und intellektueller Isolation an. Lulu beruht auf zwei Dramen von Frank Wedekind, die eine moralschwangere Gesellschaft zeichnen, welche das Individuum knebelt und mit der Illusion persönlicher Unabhängigkeit alleine zurücklässt. Wedekinds Streben nach dem Wahren, Wilden und Schönen erzeugt einen starken Widerhall im heutigen sozialen Klima, das von algorithmischen Kurven und virtuellen Kommentaren, häufig losgelöst von sinnlicher Erfahrung, bestimmt wird.
Das Festival bietet 2023 eine beachtliche Riege internationaler Theatergrößen. Alexander Zeldin, Susanne Kennedy, Milo Rau, Mariano Pensotti, Julien Gosselin und viele andere präsentieren ausnahmslos brandneue und ehrgeizige Werke, oft als Welturaufführungen. Die jüngsten Arbeiten von Joël Pommerat, Anne-Cécile Vandalem und Kornél Mundruczó zählen zu den Theaterhöhepunkten der vergangenen Saisonen. Der bedeutende britische Regisseur Simon McBurney inszeniert einen Roman der Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, einer Autorin, die „neue Methoden, von der Welt zu erzählen“, einfordert. In vielen Geschichten dieser Welt, die im Rahmen der Wiener Festwochen 2023 erzählt werden, sind Vorfahrinnen – (Groß-)Mütter – die Hauptpersonen. Künstler:innen nehmen Bezug auf die Vergangenheit von Familienmitgliedern, fiktiven Alter Egos oder mythologischen Figuren in ihrer aktiven Suche nach alternativen Zukunftsvorstellungen. Neben diesen großformatigen Bühnenarbeiten gilt es auch, bemerkenswerte intime Stücke zu entdecken, entwickelt von in Wien wenig bekannten Regisseur:innen und Dramatiker:innen wie der im Iran geborenen Afsaneh Mahian und ihrem Landsmann Keyvan Sarreshteh oder Mikheil Charkviani aus Georgien. Einen Ehrenplatz gibt unser Programm der Musik und den vielfältigen Wegen, sie in Szene zu setzen. Drei außergewöhnliche Produktionen – Auftragswerke der Festwochen – erforschen das subtile Aufeinandertreffen von Narrativ und Musik.
Der Videokünstler Stan Douglas inszeniert eine neue Komposition von George Lewis, während sich der japanische Regisseur Toshiki Okada in seiner Suche nach einer Form des objektorientierten Theaters auf eine neue Partitur von Dai Fujikura stützt. Der kroatische Choreograf Matija Ferlin setzt Luigi Dallapiccolas ergreifende Canti di Prigionia (Gesänge aus der Gefangenschaft) in szenische Bilder um. Darüber hinaus werden dieses Jahr sehr renommierte bildende Künstler:innen unsere Gäste sein. Neben Stan Douglas bringen auch Wu Tsang und William Kentridge visuell faszinierende Theater und Musikwerke nach Wien. Weiters zeigt das Festival Sun & Sea, die aufsehenerregende, bei der Biennale von Venedig 2019 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnete Strandoper von Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelytė sowie die erste österreichische Einzelausstellung von Laure Prouvost. Bekannt für ihre immersiven Installationen verbindet sie Sprache, Klänge und Materialien auf humorvolleund eigenwillige Weise.
Kunst und Kultur sind wertvoll!
Wir hoffen, Sie bald bei den Wiener Festwochen 2023 begrüßen zu dürfen und miteinander ein zum Nachdenken anregendes und zukunftsorientiertes Festival entstehen zu lassen.
Herzlichst, Christophe Slagmuylder und das Team der Wiener Festwochen
Programm
Theater
-
A day is a hundred years
Jozef Wouters
Theater Odeon -
Angela (a strange loop)
Susanne Kennedy, Markus Selg
Theater Halle G im MuseumsQuartier -
Antigone im Amazonas
Milo Rau / NTGent
Theater Burgtheater -
Contes et légendes
Joël Pommerat
Theater Odeon -
Das Kind
Afsaneh Mahian, Naghmeh Samini
Theater Halle G im MuseumsQuartier -
Dėdė Vania
Tomi Janežič, Anton Tschechow
Theater Theater Akzent -
Drive Your Plow Over the Bones of the Dead
Simon McBurney / Complicité
Theater Theater Akzent -
Exodus
Mikheil Charkviani
Theater brut nordwest -
Extinction
Julien Gosselin / Si vous pouviez lécher mon cœur, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Theater Halle E im MuseumsQuartier -
Kingdom
Anne-Cécile Vandalem / Das Fräulein (Kompanie)
Theater Jugendstiltheater am Steinhof -
La Obra
Mariano Pensotti / Grupo Marea
Theater Jugendstiltheater am Steinhof -
MÉMÉ
Sarah Vanhee
Theater Theater Nestroyhof Hamakom -
Museum of Uncounted Voices
Marina Davydova
Theater Odeon -
Pieces of a Woman
Kornél Mundruczó, Kata Wéber, TR Warszawa
Theater Akademietheater -
Pinocchio
Wu Tsang / Moved by the Motion
Theater Volkstheater -
Singing Youth
Judit Böröcz, Bence György Pálinkás, Máté Szigeti
Theater, Musik Schauspielhaus Wien -
The Confessions
Alexander Zeldin
Theater Volkstheater -
Timescape
Keyvan Sarreshteh
Theater Theater Nestroyhof Hamakom
Musik
-
Canti di Prigionia
Matija Ferlin, Goran Ferčec, Luigi Dallapiccola, Cantando Admont, PHACE
Musik, Theater Jugendstiltheater am Steinhof -
Elective Affinities
Moor Mother, Eivind Aarset & Jan Bang & Dai Fujikura & Franz Hautzinger, Maurice Louca, Agnes Hvizdalek & Jakob Schneidewind, Kuljit Bhamra & Beatrice Dillon, serpentwithfeet
Musik Porgy & Bess -
Festival Opening Party
Dalia Ahmed (FM4), Marshmello (NTS), FLO REAL (Mahogani Music / A party called JACK)
Party, Musik Porgy & Bess -
Festival Party
Hosted by Rhinoplasty, Res. Radio, Sonic Territories, A party called JACK
Party Club U -
Selected Classical Works (abgesagt)
Devonté Hynes
Musik Burgtheater -
Sibyl
William Kentridge
Musik, Theater Halle E im MuseumsQuartier -
Song of the Shank
George Lewis, Stan Douglas, Jeffery Renard Allen, Ensemble Modern
Musik Halle G im MuseumsQuartier -
Verwandlung eines Wohnzimmers
Toshiki Okada / chelfitsch, Dai Fujikura, Klangforum Wien
Musik, Theater Halle G im MuseumsQuartier
Performance
-
Close Encounters
Anna Rispoli
Performance Parlament Österreich -
Comish
Performance, Kabarett Wiener Metropol -
Feijoada
Calixto Neto
Performance, Musik brut nordwest -
Melancholic Ground
Doris Uhlich
Performance Sparefroh-Spielplatz Donaupark -
The Long, very long Journey
Laure Prouvost
Performance, Visual Arts Kunsthalle Wien Museumsquartier
Tanz
Bildende Kunst
-
Club Liaison
Liesl Raff und Gäste
Visual Arts, Performance, Bar Franz Josefs Kai 3 – Raum für zeitgenössische Kunst -
Ohmmm Age Oma Je Ohomma Mama
Laure Prouvost
Visual Arts Kunsthalle Wien Museumsquartier -
Sun & Sea
Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė, Lina Lapelytė
Visual Arts, Musik Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste Wien (Semperdepot)
Diskurs
-
Eine Rede an Europa 2023
Oleksandra Matwijtschuk / Center for Civil Liberties
Rede Judenplatz -
George Lewis, Stan Douglas und Jeffery Renard Allen
Talk Depot - Kunst und Diskussion -
Iris Fink, Angie Ott, Alexa Oetzlinger und Antonia Stabinger
Talk Wiener Metropol -
Marina Davydova, Mikheil Charkviani und Bence György Pálinkás
Talk Odeon -
Widerstand schreiben
Tsitsi Dangarembga, Naghmeh Samini, María Galindo & Cristina Morales
Diskurs Odeon, Halle G im MuseumsQuartier, Schauspielhaus Wien
Spielorte
- Akademietheater
- Alban Berg Stiftung, rund um die Wohnung Alban Bergs in Hietzing
- Allianz Stadion
- Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste Wien (Semperdepot)
- brut nordwest
- Burgtheater
- Club U
- Depot - Kunst und Diskussion
- Franz Josefs Kai 3 – Raum für zeitgenössische Kunst
- Halle G im MuseumsQuartier
- Halle E im MuseumsQuartier
- Judenplatz
- Jugendstiltheater am Steinhof
- Kunsthalle Wien Museumsquartier
- Kunsthistorisches Museum Wien
- MusikTheater an der Wien | Halle E im MuseumsQuartier
- Odeon
- Parlament Österreich
- Porgy & Bess
- Rathausplatz
- Schauspielhaus Wien
- Sparefroh-Spielplatz Donaupark
- Stadtkino im Künstlerhaus
- Theater Akzent
- Theater Nestroyhof Hamakom
- Volksoper
- Volkstheater
- Wiener Metropol


